Innensicht und Außensicht der ARGE

zum Anlass des 25-jährigen ARGE-Jubiläums

Andreas Jindra

 

25 Jahre ARGE und Mediation!

Das Thema meiner Rede ist: Innensicht und Außensicht der ARGE

Erst einmal zur Außensicht, dazu erzähle ich folgende Geschichte zum Einstieg:

„Treffen sich 2 Mütter und erzählen einander, welchen Beruf ihre Kinder ausüben.
Sagt die eine Mutter: Mein Sohn ist jetzt Mediator.
Naja - ist immer noch besser, als nur dasitzen und dauernd nur Fragen stellen.“

Nun gut: Auf dieses Thema werden wir später noch zu sprechen kommen.

Klaus Rückert hat mich an einem Samstag angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, zum Anlass des 25-jährigen ARGE-Jubiläums, eine Rede zu halten. Ich habe mich sehr gefreut - „Was für eine Ehre“- und habe sofort zugesagt, gleich danach habe ich mir gedacht „Was für eine Alterserscheinung!!!!“
Eine Rede zum 25ten bedeutet ja auch, selbst schon um diese 25 Jahre älter geworden zu sein, 25 Jahre zurückblicken zu können (in meinem Fall 23 plus mein damaliges Lebensalter).

Und so machte ich mich auf die Reise zurück zu dem Tag meines ersten Kontakts mit der ARGE.

Als ich mich für die die Ausbildung zum Mediator entschlossen hatte, stieß ich über Mundpropaganda – damals googelte man ja auch noch nicht – auf die ARGE.

Nebenbei:
Wir reden hier von einer Zeit, in der es noch

  • ¼ Telefone gab
  • Telefonzellen
  • erste Handys so groß wie Schuhschachteln waren
  • Es war die Zeit der Faxgeräte (wer eins besaß, galt damals schon als Hightech Freak)
  • Vranitzky war Bundespräsident.
  • Zwischenzeitlich hatten wir schon 10 Regierungen - bei ÖVP Obmännern habe ich den Überblick verloren...

Ich machte mich also auf den Weg zur ARGE in den Bruckhaufen - damals noch ein für mich versteckter unbekannter Winkel Wiens.
Mein Erstgespräch oder Aufnahmegespräch mit der ARGE sollte im Wohnhaus der Rückerts stattfinden.

Ich war zu früh dran und spazierte vor dem Haus auf und ab.
Damals war noch gegenüber eine aktive SPÖ Sektion mit einem kleinen Greißler (ich kann mir vorstellen, dass heute junge Menschen mehr mit dem Wort „Greißler“ oder „¼ Telefon“ anfangen können als mit dem Begriff „SPÖ Sektion“).

Wie auch immer...
Ich als historisch interessierter Mensch besah mir die Gegend und untersuchte sie nach Hinweisen zum Thema Konflikte und Mediation. Und da waren sie auch schon:

 

  • In diesem Winkel Wiens atmet wirklich Geschichte. Hier die Kugelfanggasse - ein Symbol des Friedens (hier wurden vor dem 1. Weltkrieg die Geschosse vom Truppenübungsplatz Donaupark abgefangen!)
  • Aber auch dort die Friedstrasse - das Symbol für soziales Engagement (ein sozial tätiger und engagierter Arzt, der noch dazu Fried hieß und Pazifist war / der Albert Schweitzer vom Bruckhaufen).

Da fehlte aber noch etwas... so etwas wie Toleranz, Gelassenheit... - und ich fand auch das:

  • In diesem Moment sehe ich nämlich, wie ein Freund des Greißlers sich dessen Kleinbus ausborgt.
  • Er legt den Rückwärtsgang ein und fährt – viel zu schnell - retour. Er knallt gegen eine Straßenlaterne. Der hintere Teil war komplett eingedrückt. Glassplitter überall und ein riesiges Loch an der Rückseite des Busses.

Da kommt der Greißler aus dem Geschäft und fragt: „Wos is Kurtl, baust ma a Klimaanlage im Bus ein?“

Da war er, der dritte Faktor, die Toleranz, auf wienerisch eben!
Es konnte also keinen besseren Ort in Wien geben, um Konfliktarbeit zu erlernen.

Wir (damals Kurs 3) begannen unter „allerstrengster supervisorischer Aufsicht“ der 3 K’s, uns in die Materie der Mediation einzuarbeiten.

Die drei Ks waren:
Klammer Gerda (heute Gerda Mehta) / Kastner Gerald und Klima Wolfgang

Vieles war damals anders:

  • Die Ausbildung dauerte noch 4 Semester
  • SupervisorInnenwechsel nach dem 2. Semester
  • Wochenendseminare waren immer außerhalb Wiens (in der Payerbacher Gegend)
  • Im Seminarraum saßen noch getrennt auf der einen Seite die Menschen mit Psychosozialen Berufen und auf der anderen die Juristen.

The times they are changing, ...

Aber was ist das Faszinosum der Mediation? Ist es wirklich nur, wie in der eingangs erzählten Geschichte der beiden Mütter, Fragen zu stellen?

Warum, fragt man sich, treffen sich Streitpartner, die sich eigentlich gar nicht ausstehen können, in einem Raum, den sie nicht kennen? Warum zahlen sie Geld für Lösungen, die sie nicht bekommen, sondern sich auch noch selbst erarbeiten müssen?

Warum tut man das?

Warum entscheiden sich die Menschen für die Mediation?

Es hat sich gezeigt, dass Mediation in Konfliktsituationen eine sehr ansprechende und erfolgreiche Technik und Methode anbietet.

Doch all das, so bin ich überzeugt, nützt nichts, wenn das Angebot nicht mit der inneren Einstellung / der entsprechenden Haltung verknüpft ist.

Es ist die Haltung der MediatorInnen, die diese Methode so erfolgreich macht: Offenheit gegenüber den Menschen

  • deren Anliegen
  • deren Bedürfnissen
  • deren Interessen
  • deren Vorstellungen und auch
  • die Ergebnisoffenheit

Und weil es bei diesem Fest zum einen um 25 Jahre ARGE und zum anderen um Mediation geht, möchte ich meine Rede dahingehend nutzen, um über die Gemeinsamkeiten und Parallelen zwischen der

  • Haltung der Mediation gegenüber den MediandInnen zum einen (also INNEN)
  • und der Haltung bzw. Einstellung der ARGE als Ausbildungseinrichtung gegenüber ihren StudentInnen und TrainerInnen zum anderen reden (also AUSSEN)

Ich greife heute, auch aufgrund meiner Redezeit und Ihrem Wunsch, bald weiterfeiern zu können, nur 3 Aspekte dieser Haltungen und Einstellungen heraus, drehe also 3 Scheinwerfer auf, die diese Aspekte beleuchten sollen.

Was also sind die Gemeinsamkeiten zwischen der Haltung der Mediation gegenüber den MediandInnen und der Einstellung der ARGE zur Bildung?

  • 1. Zulassen der Vielfalt und der unterschiedlichen Wahrnehmungen, ohne zu werten
  • 2. Suche nach dem Wachstum und der dazu notwendigen Energie
  • 3. Mut und Ermutigung

1. Zum Thema Zulassen der Vielfalt:

Heimito v. Doderer hat einmal gesagt:
Alles hat 2 Seiten, aber erst, wenn man erkennt, dass es drei sind, erfasst man die Sache.

Wir MediatorInnen arbeiten mit den unterschiedlichsten Persönlichkeitstypen und deren Wahrnehmungen oder/bzw. Wahrgebungen.
Und unsere Haltung ist immer gleich:
Wir versuchen nicht zu werten, das Gemeinsame hervorzuheben, das Trennende stehen zu lassen und versuchen Brücken zu bauen, zu vermitteln.

Es ist der Versuch, zwei unterschiedliche Realitäten nicht als Widerspruch zu sehen, sondern als Ergänzung, die Diversität als Energiequelle zu nutzen und zur Verfügung zu stellen.

Aus meiner Sicht achten MediatorInnen auf dieses Zulassen eines Nebeneinanders unterschiedlicher Zugänge zu ein- und demselben Thema, und daraus entsteht dann etwas ganz Neues.

Beides kann gleichzeitig nebeneinander existieren. Klingt widersprüchlich, aber verhält sich ungefähr so.

Dazu fällt mir die Geschichte des Mannes ein, der in ein Antiquitätengeschäft kommt und sagt: „Guten Tag, gibt’s was Neues?“

Für mich lebt auch die ARGE diese Vielfalt in der Bildung in vielerlei Hinsicht (und nicht nur durch die Bezeichnung „Arbeits“ und „Gemeinschaft“).

Sie drückt das Zulassen der Vielfalt für mich v.a. in den unterschiedlichen Interpretationen der Mediation in ihrem Curriculum aus.

Die StudentInnen erfahren im Curriculum diese Vielfalt der Mediationslandschaft u.a. durch die Trainer und Trainerinnen der ARGE und durch deren unterschiedliche Arbeitsfelder bzw. unterschiedliche Methoden:

Der Bogen spannt sich von der klassischen Scheidungsmediation über die Mediation in familiären - pädagogischen Kontexten bis hin zu Wirtschaft, sozialer Arbeit und Politik.

Die Zugänge der MediatorInnen zur Mediation erstrecken sich zwischen den „Gralsrittern der Mediation in ihren silbernen Rüstungen“, den „Verteidigern der strengen Einhaltung des Phasenmodells“ bis hin zu den improvisationsorientierten, spielerisch komischen Interventionen jener „Konfliktkünstler, die mit ihren metaphorischen Schelmenmützen“ die StudentInnen auch zu begeistern wissen.

Diese Buntheit bildet für mich die Diversität der derzeitigen Mediationszugänge anschaulich ab.
Ohne zu werten in richtig und falsch. Nur eingeteilt in stimmig für die Situation oder nicht stimmig.
Diese Buntheit bildet aber auch die gelebte Toleranz und Freiheit im Zugang zu Bildung und Lehre ab, die für mich die ARGE vermittelt.

Alle haben Platz, alle sind erfolgreich mit ihrem Stil, mit ihrer Interpretation der Mediation und können in der ARGE ihren Zugang zur Mediation präsentieren und weitervermitteln.

Das bildet für mich die ARGE ab.

Nun zum 2.Punkt:

Die Suche nach dem Wachstum und der dazu notwendigen Energie

Dazu folgende Geschichte:
Zwei Freundinnen telefonieren. Frau Meyer erzählt ihrer Freundin, dass sie sich nun, nach langem Überlegen, entschlossen hat, sich scheiden zu lassen.
Nach einem langen Telefongespräch fragt Frau Huber: „Und - was gibt es sonst?“
Darauf antwortet Frau Meyer: „Ach es regnet schon seit 3 Tagen heftig. Mein Mann steht nur traurig da und schaut frustriert durchs Fenster.“
Darauf die Frage: „Und was willst du machen?“ Sie antwortet: „Wenn es noch weiter regnet, muss ich ihn wohl reinlassen.“

Auch in der Mediation ist man mit Animositäten, Rachegefühlen, Vergeltungsgedanken, Gegenschlägen etc. konfrontiert.

Wir MediatorInnen versuchen jedoch über den gesamten Prozess hinweg durch das Sammeln von zusätzlichen Blickwinkeln, Umdeutungen und andere Denkmöglichkeiten etc. zur Verfügung zu stellen, den Blick nach vorne zu lenken und den Prozess zu gestalten, wir können nicht die Kränkungen der Vergangenheit ungeschehen machen, sondern den kreativen Prozess vorantreiben, neue Optionen zulassen, andenken, auftauchen lassen, um danach konkrete Lösungen zu generieren und umzusetzen.

Es ist das Vertrauen in die Fähigkeit, sich auf das Unbekannte und manchmal auch scheinbar Unmögliche einzulassen, Lösungen für Situationen zu finden, die im ersten Moment unmöglich erscheinen.
Am Ende stehen dann – wie durch Hexerei – auch immer Lösungen, die in konkrete Handlungen umgesetzt werden.
Wir tun dies in Form von Fragestellungen, Methoden und Techniken und jede Menge Optimismus.

Und wo ist hierzu die Parallele zur ARGE?
Sie tut das auch:
Sie hat für mich nie lange das Vergangene, das damals Bessere, das möglicherweise Unwiederbringliche betrauert (z.B.: bei Neuerungen in Gesetzestexten, Ausbildungsvorschriften, Studienverordnungen, neuen Auflagen etc.).

Nein, ich nehme die ARGE so wahr, dass sie immer nach der Kraft in den vorgegebenen veränderten Realitäten der Bildungs- und Ausbildungssituation gesucht hat und mit dieser Kraft das Neue umgesetzt hat.

Die ARGE setzt aber nicht nur um, sondern entwickelt weiter.
Sie hat auch – und tut dies immer noch – die Initiative übernommen und vorangetrieben - den Prozess der Mediationsbekanntmachung vorangetrieben.
Sei es durch die Arbeit in unterschiedlichen Gremien, durch Publikationen oder eben durch das wissenschaftliche Aufarbeiten und das Aufbereiten des Mediationsfeldes oder aber auch durch die Organisation von Kongressen.
Sie bietet somit unterschiedliche Möglichkeiten an, sich zusätzlich dem Thema der Mediation zu nähern.
Nicht nur durch die Breite und die Buntheit des Curriculums, sondern auch durch immer wieder aktualisierte Angebote an Ausbildungen, durch Fort- und Weiterbildungen, Themenabende, Wissenschaftssaloons zum Thema Mediation u.v.m.

Wie schon der bekannte österreichische Philosoph Ernst Happel sagte:
Als Erster musst du´s wissen. Nocha wissen´s eh alle!!!

Nun zu Pkt. 3 (mein ganz persönlicher Dank) Mut und Ermutigung

Was für mich eine Mediatorin/einen Mediator auch ausmacht, ist das Zutrauen zu vermitteln, dass man es schaffen kann, die Selbst- und Eigenverantwortlichkeit.

# Alles ist im Keim vorhanden, der Rest ist Wachstum

Ein hohes Prinzip und ein wesentlicher Wert der Mediation ist diese Selbst- und Eigenverantwortlichkeit der MediandInnen, das Ermutigen des Anderen, an seine Gestaltungskraft zu glauben, sich nicht durch „scheinbare Vorschriften und Vorstellungen anderer“ gängeln zu lassen, sondern an das Neue zu glauben.

Die MediandInnen sind mutig, denn sie gehen einen Weg, der in unserer Gesellschaft unüblich ist. Sie vertrauen der eigenen Urteilskraft.
Sie machen sich auf die Suche nach dem, was das Beste für sie ist.
Sie wollen sich nicht etwas vorschreiben, vorleben, vorzeigen oder diktieren lassen, was nicht zu ihnen passt. Es ist die Emanzipation vor sich selbst.
Das Vertraute zu verlassen und in der Veränderung die vermisste Stabilität zu entdecken und zu erkennen. Durch das Heute und mit dem Heute das Neue und das Bewährte in die Zukunft zu bringen. Das Vertrauen in die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten.

Es ist dies ein stiller Akt der Ermutigung und des Vertrauens, bei dem wir sie begleiten dürfen.

Die ARGE hat dieses Vertrauen und die Ermutigung zur Selbständigkeit für mich in vielerlei Hinsicht immer bewiesen. Und sie tut dies auch genauso still und leise.

Dazu möchte ich eine persönliche Geschichte erzählen. Und das tu ich laut!

Ich hatte schon des längeren für die ARGE Schulmediationsseminare angeboten.
Eines Tages kommt Klaus zu mir und fragt mich, ob ich die Praxissupervision übernehmen will.
Ich konnte mir das nicht so recht vorstellen, traute es mir nicht so recht zu, da ich damals noch keinerlei Ausbildung diesbezüglich hatte. Ich erzählte ihm von meinen Zweifeln aufgrund einer noch nicht vorhandenen Ausbildung. Daraufhin schaute mich Klaus an und sagte (er als Psychoanalytiker) „Freud hatte auch keine Psychoanalytische Ausbildung!“

Dieser Satz hat mich seither immer begleitet, wenn ich mich vor dem Neuen scheute.
Er hat mir den Mut gegeben, in viele unvertraute Situationen zu gehen, und dafür danke ich dir, Klaus, besonders, weil dieser Satz – so lustig er auch klingen mag – eine Haltung verkörpert, die ich in der ARGE und in der Mediation immer wiederfinde.

Die Lust zu entdecken und eigene Wege zu gehen.
Sich inspirieren zu lassen von der eigenen Neugierde
und dadurch seinen Beitrag für das Ganze einbringen.

Nicht zuletzt hat die ARGE auch mir die Chance gegeben, die Ideen und Haltungen der Mediation an ein großes Publikum weiterzutragen. Und wenn ich heute zum Bruckhaufen fahre, halte ich Ausschau nach dem nächsten Haus mit Tigerente auf dem Dach, denn es ist für mich auch das Symbol für die durch die ARGE verkörperte Vielfalt und Buntheit in der Bildung und den Mut, das Neue anzupacken.

Mein Wunsch ist es, dass mehr von dieser Haltung und Einstellung auch in unserer Gesellschaft und Politik Platz greifen möge, um dem Mensch-Sein gerechter zu werden.

Also: Hoch die Gläser auf die ARGE und die nächsten 25 Jahre!
Danke!

 

Mag. Andreas Jindra, Referent der Mediationsausbildung an der ARGE Bildungsmanagement, anlässlich des Jubiläumsfests – 25 Jahre Mediationsausbildung in der ARGE Bildungsmanagement, 12.05.2017.

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