Gerda Mehta - Homo Mediator – Geschichte und Menschenbilder der Mediation*

Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften
Ausgabe 2015/01
ISSN 2312–5853

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Gerda Mehta 1,◊

Rezension
Homo Mediator – Geschichte und Menschenbilder der Mediation*

* Duss-von Werdt, J. (2015). Homo mediator: Geschichte und Menschenbilder der Mediation. Erschienen als Band 3 in den Schriften zur Theorie und Praxis der Mediation. Herausgegeben von Gernot Barth und Bernhard Böhm, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

1 MAG ELF – Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien

Korrespondenz über diesen Artikel ist zu richten an Dr.in Gerda Mehta, Arbeiterstrandbadstraße 27, 1210 Wien, Österreich. E-Mail: mehtaⒶaon.at

 

Kurz zum Ergebnis: Mediieren ist nach wie vor ein partizipativer Beitrag, ein Begleiten und Bühne bereiten, ein Brücken schlagen und Klüfte zwischen ich und du, uns und anderen überspringen (helfen) oder ermutigen, dies zumindest zu probieren. Mediieren erfordert nach wie vor selber einen festen Stand, eine unerschütterliche Offenheit und Unerschrockenheit in stürmischen Zeiten und Zeiten der Eiszeit trotz des unüberwindlich Erscheinenden. Das sind meine Schlussfolgerungen beim wieder Lesen des Buches, das schon in der ersten Auflage ein Referenzpunkt für Mediatorenidentität und für erkenntnistheoretische Positionierungen der Mediation geworden ist.

Die Lektüre des Buches regt zum Finden seines eigenen Kompasses für stürmische Zeiten an. Denn das Wiederlesen von historischen Beispielen, Hintergründen und Metaperspektiven zum Erlangen einer mediativen Haltung und Serviceleistung im Sinn der Betroffenen animiert, sich und seine Tätigkeiten in Hinblick auf eigene Visionen und Absichten, unerkannte und ungewünschte Nebenprodukte immer wieder zu hinterfragen. Zu leicht gerät man sonst in Gefahr, Eigenes zusätzlich – oft unbemerkt – einzubringen und damit die eigentliche mediative Nützlichkeit zu verpassen. Denn der flüchtige Charakter der Allparteilichkeit für die Sache ist schwer im Fokus zu halten. Die im Buch erwähnten historisch bekannt gewordenen „Helden“, die die Prozesse mitunter über viele Jahre bis zu einer Überwindung und Friedensschließung vorangetrieben haben, ermutigen, den eigenen Pfad fortlaufend neu einzuschlagen oder immer wieder neu zu suchen und zu prüfen. Allzu leicht verirrt man sich dabei mit dem persönlichen Kompass voll von Überzeugungen – auch im Namen der Neutralität, Allparteilichkeit, Offenheit und Gerechtigkeit – sei es Eigengerechtigkeit, Beziehungsgerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, Sachgerechtigkeit, Verhandlungs- und Vermittlungsgerechtigkeit, Vertragsgerechtigkeit oder Gesetzesgerechtigkeit (Duss-von Werdt, 2015, S. 270-275).

Der Autor weist uns mit der 1. Hälfte des Buches darauf hin, dass Mediieren ein altes Gewerbe ist, und dass es seine jeweilige lokale, historische Passung und Mut, aktiv zu werden, braucht. Vor 20 Jahren besaß aus meiner Sicht der Glaube an Veränderungen gesellschaftlicher und mit- und zwischenmenschlicher Prozesse eine leicht andere Färbung. Der Fall der „Mauer“, des „eisernen Vorhangs“, die Osterweiterung der Europäischen Union, die Tsunamis der Globalisierung, Geldbewegungen, die Einführung des Euro, der das Reisen innerhalb Europas so viel leichter gemacht hat, usw. verwiesen auf Machbarkeit, Bewegungen, neu zu treffende Vereinbarungen und Strukturen, die den Bedürfnissen und sehnlichst erhofften Wünschen von vielen näher zu kommen verhießen. Mediieren passte zu diesem Hauch von Freiheit und Machbarkeit für ein buntes Leben miteinander und nährte die Hoffnung, eigene Interessen mit Hilfe von Dienstleistungen optimal im interkulturellen Miteinander platzieren zu können.

20 Jahre später schaut vieles nüchterner aus. Skandale, steigende und für viele bedrohlich gewordene Arbeitslosigkeit, Finanzprobleme von Städten, Staaten, Banken, Firmen und Menschen, Flüchtlinge, Abweisungen, Kriege, Attentate, offene Konflikte sind an der Tagesordnung und einem oft zu nahe gebrachte Realität geworden. Sie füllen Zeitungen, Internetseiten und führen zu Ängsten, Abgrenz- und Schutzmaßnahmen.

Wer sorgt für Kooperation, Koexistenz, Gemeinschaft, Mitgefühl, Plattformen, die aufmerksam machen, (zu)hören und verstehen wollen – über alle Differenzen und unterschiedlichen Weltkonstruktionen hinweg? Auch darauf geht das Buch ein. Ein Appell als Schlusspunkt des Buches ermutigt, besonders in diesen Zeiten nicht untätig zu bleiben – auch jenseits von vorgefertigten Bahnen, Anfragen und Aufträgen.

Mediationsausbildungsstätten, Mediationspraxen und Mediationsgesetze sind etabliert. Mediation als Serviceleistung wurde angenommen; viele wurden geschult, Konflikte auf eine mediative Weise anzugehen oder ihre Dienste dafür anzupreisen. Der große Run auf Ausbildungsplätze ist wieder verebbt (persönliche Mitteilung des größten Ausbildners in Österreich, ARGE Bildungsmanagement). Und die Machbarkeit der Konfliktbearbeitungen ist vielleicht realistischer einschätzbar geworden.

Duss-von Werdt schreibt in der 1. Ausgabe:

„Mediation selbst sei ein Symptom dafür, indem sie das Subjekt mit seinen vernünftig objektivierbaren und den “unvernünftigen“ Seiten im wörtlichen Sinn voll und ganz ernst nehme, seine Autonomie nicht als abstrakte Unabhängigkeit missdeute, sondern als eigengesetzliche und konkret gestaltbare Mitmenschlichkeit einfordere.“ (Duss-von Werdt, 2005, S. 15)

Damit wäre die Gesellschaft mit guten Mitteln ausgestattet, Herausforderungen begegnen zu können und geschulte ExpertInnen für den Zwischenraum zu haben. Sozialpolitisch steht der beinahe automatische Hinweis in den Medien noch an, nach einer Konflikt- oder Gewalteskalation auf Mediation oder Mediationsversuche hinzuweisen, so wie der Hinweis nach Katastrophen auf ein Notfalleinsatzteam in den Medien bereits natürlich Erwähnung findet. Oder ereilt die Mediation auch heute ein ähnliches Schicksal wie in vorigen Zeiten? In der 2. Ausgabe heißt es:

„Immer wieder waren Menschen am Werk, die mit oder ohne Eigennutz Menschen miteinander ins Gespräch bringen wollten und dann und wann damit auch erfolgreich waren.“ (Duss-von Werdt, 2015, S. 32)

Der Wunsch des norwegischen Trägers des Alternativen Nobelpreises, Johan Galtung, Mediation als etwas so selbstverständliches für Beziehungspsychohygiene zu nutzen wie Zähneputzen für die Gesundheit, ist noch Utopie geblieben (Mehta & Rückert, 2003).

Die Zeit braucht jetzt wieder homo mediator oder homo mediatrix, so scheint es dem Autor. Er hat in die Vergangenheit geblickt und viele historische Wurzeln und Modelle, wie es sich mit-, neben- oder sogar gegeneinander leben lässt (Duss-von Werdt, 2015, S. 20), und Anstrengungen von Menschen, dies nach Entgleisungen wiederum schaffen zu können, in den Archiven aufgestöbert und für uns Leser und Leserinnen in der ersten Hälfte des Buches aufbereitet. Einblicke in andere Zeiten und gesellschaftliche Dynamiken zu bekommen, regt an, sich selbst in der eigenen Zeitgeschichte Positionierungen zu suchen, Eigenes zu erkennen und sich zu engagieren, und sich einzumischen. Solon, Alvise Contarini, Fabio Chigi, und viele andere sind quasi Ikonen, aber auch Methodiker lassen sich in verschiedenen Jahrhunderten finden, wie Samuel Rachel, Friedrich von Stephani, Johann Willhelm Hagedorn, Christian Wolff, Emer de Vattel und viele andere. Sie sehen im Buch so manche Abbildungen der Helden der Geschichte, auch wenn sie als solche Helden nie in Erscheinung treten, denn VermittlerIn bleibt VermittlerIn und damit im Hintergrund. So sind die meisten unbenannt, denn die Vermittlung wird am elegantesten, wenn VermittlerInnen selber sich nicht ins Rampenlicht drängen. Schon Galileo Galilei hat nach Duss-von Werdt gemeint: „man muss mit großer Mühe und Sorgfalt Drittpersonen suchen, die, ohne zu wissen, weshalb, für mich als Mediatoren gegenüber wichtigen Personen wirken, damit ich meine Interessen im einzelnen vortragen kann“ (Duss-von Werdt, 2015, S. 85). Drittpersonen waren in vergangenen Zeiten manchmal auch durchaus Frauen in gehobenen Positionen, wie die Kaiserin Angilberga, die Gemahlin Kaiser Ludwigs des 2. (Duss-von Werdt, 2015, S. 108), oder die Tochter des Herzogs Willhelm V. Agnes von Poitou. Unzählige sind wohl nie in Erscheinung getreten, und dennoch wurde ihr Tun wirksam, wenn auch ihr Beitrag nicht merkbar blieb.

Die 2. Hälfte des Buches beschäftigt sich mit dem Versuch der Identitätsfindung des Mediators/der Mediatorin. Dabei stehen das Verstehen, sich Einstellen und Erkennen von dem, was man und frau als Mediator/Mediatorin macht und wie man/frau ist, im Zentrum. Bei allen methodischen Hinweisen wird Duss-von Werdt nicht müde, auf die Aspekte der Macht und Machbarkeit, auf das Menschen- und Demokratieverständnis und den vielseitig einzurichtenden Zwischenraum hinzuweisen. Der Leser und die Leserin werden bei der Lektüre unmittelbar in eine reflexive Haltung versetzt, die sich selber reflektieren hilft, die eigene Position suchen lässt und so manche unhinterfragte Meinung und Tatsache als Vorurteil entlarvt.

Ein wohlwollender Ton, eine sprachliche Exzellenz und der unermüdliche Blick auf menschliche Dimensionen begleiten durch die 288 Seiten. Dabei geht der Fokus nie verloren: auf den Zwischenraum der Menschen, und den Versuch, dieses Dazwischen klarzustellen, zur Sprache zu bringen, Möglichkeiten anzuregen und nachzudenken darüber, was wir miteinander tun und was wir unterlassen, was wir durch Worte und Taten miteinander schaffen und uns dabei antun.

Scharfsinn und Wortpräzision des Autors sind nicht nur ein intellektuelles Vergnügen und prosaischer Genuss, sondern auch eine gute Denkschule und Nachdenkmediation. Er führt die Leserin/den Leser zurück zum Sinn von Worten – die Sachverhalte, die Inhalte präzise in „den Griff bekommen versuchen“ und nicht nur einer Gewohnheit folgen, wie Worte und Begriffe und Konzepte zu verstehen sind. Sie werden (wieder) zu eigen gemacht, angeeignet und damit wird Lebendigkeit geschaffen, die berührt, die Begegnung ermöglicht und die Kraft hat, Klüfte überwinden zu können.

Literatur

Duss-von Werdt, J. (2015). Homo mediator: Geschichte und Menschenbilder der Mediation. Erschienen als Band 3 in den Schriften zur Theorie und Praxis der Mediation. Herausgegeben von Gernot Barth und Bernhard Böhm. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Duss-von Werdt, J. (2005). Homo mediator: Geschichte und Menschenbild der Mediation. Stuttgart: Klett-Cotta.

Mehta, G. & Rückert, K. (2003) (Hg.). Mediation und Demokratie: neue Wege des Konfliktmanagements in größeren Organisationen. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.

 

Eingegangen: 2. Juni 2015
Peer Review: 14. Juni 2015
Angenommen: 27. Juni 2015

 

Diesen Artikel zitieren als:
Mehta, G. (2015). Rezension: Homo Mediator – Geschichte und Menschenbilder der Mediation. Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften, 2, 63–65.

 

Autorin

Dr.in Gerda Mehta; Leiterin des Wahlpflichtfaches Systemische Familientherapie der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, Lehre am Universitätsinstitut ARGE Bildungsmanagement; Lehrtherapeutin der ÖAS, Mitglied des Psychotherapiebeirats des Bundesministeriums für Gesundheit, Klinische und Gesundheitspsychologin beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien, Mediatorin, Supervisorin, Trägerin des Sokratespreises.

 

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