Raffaela Leinweber - Wiener Peer-Mediation auf dem Prüfstand

Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften
Ausgabe 2015/01
ISSN 2312–5853

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Raffaela Leinweber 1

Wiener Peer-Mediation auf dem Prüfstand

Zusammenfassung

Seit einigen Jahren wird in Österreich verstärkt versucht, durch Konfliktlotsen-Projekte an Schulen das Konfliktverhalten zu verändern, um Gewalt und Mobbing an Schulen zu dezimieren. Die Ergebnisse einiger qualitativen Studien in diesem Bereich zeigen, dass Konfliktlotsen-Projekte einen positiven Einfluss auf die Peer- Mediatoren haben, und die Mediationen meist positiv verlaufen, jedoch zu wenige Kinder von diesem Angebot Gebrauch machen. In meiner Arbeit habe ich versucht, herauszufinden, wieso dies so ist.
Die Ergebnisse zeigten, dass die überwiegende Mehrheit der SchülerInnen bei einem zukünftigen Problemfall nicht zu einem Peer gehen würden. Als Haupt-Nichtnutzungsgründe konnten identifiziert werden, dass die Peers den SchülerInnen zu wenig vertraut sind, sie diese kaum kennen würden und dass sie bei einem Problem einen Erwachsenen bevorzugen würden. Andererseits konnte ebenfalls bestätigt werden, dass die Ausbildung zum Konfliktlotsen gut und von der Dauer her ausreichend ist, dass eine hohe Erfolgsrate bei abgeschlossenen Fällen verzeichnet werden konnte und dass die Ausbildung zum Peer das Konfliktverhalten positiv verändert.

Abstract

For some years Austria has been increasingly trying to change the conflict behavior through conflict-pilots projects in schools, in order to decimate violence and bullying in schools. The results of some qualitative studies in this area show that conflict-solving projects have a positive influence on the peer mediators, and the mediations are generally positive, but too few children make use of this offer. In my field of work I tried to figure out why these situations accure.
The results showed that the overwhelming majority of students would not go to a peer in case of a future problem. As main non-use reasons were identified, that the peers are not sufficiently familiar with the students, that they would hardly know them, and that they seek for adult advice in problem solving. On the other hand, it was also confirmed that training for conflict-solving is good and long-lasting, that a high success rate was achieved in completed cases, and that peer training changed the behavior of the conflict positively.
Keywords: Peer-Mediation, Peers, Konfliktlotsen, Konfliktlösung, Schule, Konfliktlotsenprojekte, Nutzung, Hindernisse

1SMC-Seminare Mediation Coaching, Fachtrainerin für Kommunika-tions-, und Konflikttrainings, Projekt-Managerin und Auditorin; Absolventin des Universitätsinstituts ARGE Bildungsmanagement.
Korrespondenz über diesen Artikel ist zu richten an Raffaela Leinweber, MSc, Sonnenstrasse 41, 3012 Wolfsgraben, Österreich.
E-Mail: officeⒶsmc-leinweber.at

1. Peer-Mediation

Noch immer herrscht bei Konflikten in typischen Schulsituationen „ein Teufelskreis aus Angriff und Rache, von Sieger und Besiegten vor. Noch immer werden Konflikte meist auf traditionelle Art und Weise, d.h. mittels Macht von „oben“ gelöst.“ (Melzer et al, 2004, S. 193)
Eine gewaltfreie Alternative stellt die Peer-Mediation dar, die seit 1995 in Österreich etabliert ist. Die verschiedensten Peer-Programme reichen von Buddy-Programmen (Wissen weitergeben, miteinander lernen) über fachlich-inhaltliche Begleitung bis hin zu sozialen Unterstützungssystemen (Soziales Lernen). „Das Konzept der Peer-Mediation bedeutet, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, an ihrer Schule Mitschülern bei Konfliktlösungen zu helfen.“ (Schröder & Merkle, 2014, S. 55). Um die Eskalation von Konflikten zu verhindern, können Streitschlichter in den Pausen oder speziell eingerichteten Sprechstunden zum Einsatz kommen. Die Schüler haben dabei die Möglichkeit, die Schlichter eigenständig aufzusuchen, aber auch Lehrer können die Vermittlung durch die Konfliktlotsen vorschlagen. (ebd.)
Der Unterschied zur Schulmediation ist, dass die Schlichter keine Erwachsenen sind, sondern Jugendliche im gleichen Alter (sog. Peers), die bei Problemen zwischen Jugendlichen vermitteln und für diese Aufgabe eine spezielle Ausbildung erhalten. Die Peers erlernen dabei wichtige Schlüsselkompetenzen und trainieren, ihre MitschülerInnen durch einen Mediationsprozess zu begleiten. (Canori-Stähelin & Schwendener, 2006, S. 58) Peer-Mediation gelangt jedoch dort an ihre Grenze, wo jugendliche Streitschlichter überfordert sind - entweder personell (z.B. Konflikte, in die Erwachsene involviert sind) oder inhaltlich (Konflikt-Themen, denen sich Jugendliche nicht mehr gewachsen fühlen). Hier kann die Schulmediation in Anspruch genommen werden.

1.1. Ausbildung der Peer-MediatorInnen in Wien

Die Ausbildung der Peers, am Beispiel der Vorgaben des Stadtschulrates (SSR) für Wien, Stand 2010, erfolgt am Schulstandort im Rahmen der unverbindlichen Übung „Peer Mediation“ und zum anderen durch Seminare und Fortbildungsnachmittage im SSR für Wien. Ein zweitägiges Einführungsseminar für neu (oder wieder) einsteigende Schulstandorte für Schüler und Lehrkräfte wird angeboten, und im Anschluss werden die Peers weiter betreut und unterrichtet. Ein Fortbildungstag im ersten Jahr und ein zweitägiges Fortsetzungsseminar für Peer-MediatorInnen im zweiten Jahr im Ausmaß von zwei Stunden als auch zweistündige Supervisions-Nachmittage runden die Ausbildung ab (40-60 Ausbildungsstunden). Den Abschluss der Ausbildung bilden ein Dank- und Anerkennungsschreiben vom Stadtschulrat für Wien, sowie ein Abschlusszertifikat. (vgl. PROBLEM: www.peermediation.at, und Kessler, 2010, S. 4)

2. Studie zur Peer-Mediation

Studien der letzten 15 Jahre in diesem Bereich sind u.a. von Kolar (2001), Bechtold (2002), Atria & Spiel (2003), Beyerl (2004), Tulis (2005), Behn et al. (2006), Krenn (2007), Pichler (2008), Messner (2008), Dorner (2011), Weinberger (2012). Folgende Tendenzen haben sich ergeben:

  • Konfliktlotsen-Projekte haben einen positiven Einfluss auf die Peer-Mediatoren hinsichtlich Konfliktverhalten
  • Peer-Mediationen werden meist positiv abgeschlossen
  • Peer-Mediation wird an den Schulen sehr gut angenommen und akzeptiert
  • Peer-Mediation wird von den Kindern zu wenig in Anspruch genommen
  • Peer-Mediations-Projekte an Schulen sind langfristig erfolgreich, wenn alle hinter dem Projekt stehen und es unterstützen (Direktion, Lehrerschaft, Eltern)

In meiner Studie sollte einerseits überprüft werden, ob diese Erkenntnisse bestätigt werden können, und andererseits soll der Fokus auf die (Hinter-)Gründe der zu geringen Inanspruchnahme der Peer-Mediation gelegt werden. Denn es kann ein noch so gutes Konzept in der Theorie angeboten werden, wenn es in der Praxis nicht angenommen wird, ist es nicht effektiv, erhält keine positive Bewertung und kann im schlechtesten Fall sogar zu einer negativen Mundpropaganda führen. Allgemeines Ziel ist, eine Verbesserung des Konfliktverhaltens aller Schüler zu erreichen und die Konfliktbeilegung durch Dritte an Schulen so zu gestalten, dass sie von der Mehrheit akzeptiert und genutzt wird. Die Ergebnisse sollten dazu beitragen, damit das Konzept gelebt und seine (positive) Wirkung voll entfaltet werden kann. In dieser Studie wird dazu die Schülerperspektive und Sicht der Peers erhoben.

2.1. Fragestellungen und Durchführung

Laut der Liste „AHS Peer Mediation“ des Wiener Online-Schulführers hatten im Schuljahr 2013/2014 insgesamt 50 von 87 Gymnasien in Wien (57,5%) ein Konfliktlotsenprojekt an ihrer Schule eingerichtet (siehe www.schulfuehrer.at). Da Konfliktlotsen-Projekte freiwillig an den Schulen implementiert werden, ist die Erfassung jener Schulen mit Konfliktlotsenprojekten nur erschwert möglich und kann lediglich durch Befragung eruiert werden. Schließlich erklärten sich drei Wiener Gymnasien bereit, an meiner Studie mitzuwirken. Es handelte sich hierbei um drei öffentliche Gymnasien aus drei unterschiedlichen Wiener Gemeindebezirken.
Zwei Fragebögen mit geschlossenen dichotomen (Ja/Nein) Fragen und Fragenblocks in Form der fünfstufigen „Likert-Skala“ (vgl. Bortz, 1984, S. 152) sowie drei (Schüler-Fragebogen) bzw. vier (Peer-Fragebogen) offene Fragen wurden zur Vermeidung von Informationsverlust in die Fragebögen eingearbeitet. Dadurch sollte eine möglichst leichte Bearbeitung ermöglicht werden und „Mißverständnisse“ sowie „unerwartete Bezugssysteme“ (Atteslander, 2000, S. 161) vermieden werden. Obwohl nach Atteslander (2000) in der Regel eine Gesamtdauer von 30-60 Minuten zumutbar sein sollte, wurden die beiden Fragebögen (für Kinder zwischen elf und 18 Jahren) kurz gehalten (15-25 Minuten je nach individueller Geschwindigkeit), um die Kinder nicht zu überfordern.
Der Schüler-Fragebogen richtete sich an SchülerInnen der 2. und 4. Schulstufe AHS (11-16 Jahre), während sich der Peers-Fragebogen an die Peers verschiedener Schulstufen AHS (13-18 Jahre) der jeweiligen Schule wandte. Die SchülerInnen in ihren Klassen, als auch die Peers in ihren Gruppen, hatten gleichzeitig – jeder für sich – den vorgefertigten Fragebogen ausfüllen können, nachdem der Interviewer die Instruktionen vorlas und für Rückfragen zur Verfügung stand.

Folgende Fragenkomplexe wurden behandelt:
Wird das Angebot der Peer-Mediation von den SchülerInnen als Konfliklösungsmethode akzeptiert und angenommen?
Liegen Informationsdefizite vor? Wurden auf Seite der Peers Erfahrungen mit Informationsdefiziten der SchülerInnen gemacht?
Welche Ängste hindern SchülerInnen daran, das Angebot zu nutzen?
Wie erfolgreich empfanden die SchülerInnen bzw. die Peers die durchgeführten Peer-Mediationen?
Wie nachhaltig waren die durchgeführten Peer-Mediationen?
Wurden die Peers durch die Ausbildung gut genug vorbereitet, um sicher zu mediieren? Fühlen sich die Peers durch ihre Ausbildung gut vorbereitet?
Ist der Status/Ruf der Peer-Mediation bzw. der Peer-MediatorInnen überwiegend positiv?
Wird das Angebot der Peer-Mediation von den SchülerInnen als Konfliktlösungsmethode akzeptiert und angenommen?
Welche Motivation bewegte die Peers zu ihrer Ausbildung?
Sind grundsätzliche Rahmenbedingungen wie ausreichend Raum, Zeit, Unterstützung des Umfelds und Supervision erfüllt?

3. Auswertung

Insgesamt wurden 412 SchülerInnen der 2. und 4. Schulstufe und 40 Peers an den teilnehmenden Schulen mittels Fragebogen im Zeitraum vom 16.-24. Februar 2015 befragt. Die Ausschöpfungsquoten lagen bei den SchülerInnen-Fragebögen in Schule 1 bei 83,5%, in Schule 2 bei 78,2% und in Schule 3 bei 72,5%. Bei den Peer-Fragebögen lag diese Quote in Schule 1 aufgrund geringer Anwesenheit bei 66,7%, während in Schule 2 insgesamt 94% und in Schule 3 komplette 100% erreicht werden konnten.
Die Zuverlässigkeit der Fragebögen durch Prüfung der Fragebogenitems konnte anhand der internen Konsistenz gezeigt werden. Zur Bildung der jeweiligen Skalenindizes des Schüler-Fragebogens (Informiertheit, Interesse, Erfolg, Nichtnutzung) wurden jene trennscharfen Items, die zu einer konsistenten Skalenbildung beitragen, als mittlerer Summenscore (meanscore) verrechnet.
Anschließend wurden mittels explorativer Datenanalyse die intervallskalierten Skalenwerte bezüglich der Verteilungsannahme anhand des Schiefekoeffizienten (<1) und des entsprechenden Q-Q-Plots beurteilt, womit jeweils die Normalverteilung angenommen werden konnte (vgl. Field, 2009, S. 139 und S. 792). Zur Überprüfung der Interkorrelationen zwischen den 4 Schülerskalen wurden die Zusammenhänge mittels Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson errechnet.
Die Unterschiedlichkeit der Scores in Abhängigkeit von Geschlecht und Schulstandort konnte anschließend anhand einer zweifaktoriellen Varianzanalyse (2x3 ANOVA) analysiert werden. Auf Basis von Kreuztabellen mit anschließender Chi-Quadrat-Testung wurden Zusammenhänge zwischen dichotomen Items untersucht. Jene Items, die sich in einem fünfstufigen Likert-Fragenblock befanden, wurden zuvor dichotomisiert.

4. Ergebnisse

1. Da insgesamt 55,3% von 253 SchülerInnen sowohl angaben, zu wissen was ein Peer macht, als auch zu wissen, wo man einen Peer findet, kann nicht von einem Infodefizit gesprochen werden. Die Hypothese muss somit verworfen werden. Es gibt demnach an den Schulen kein Informationsdefizit hinsichtlich Konfliktlotsen.

2. Die Häufigkeitsverteilung der einzelnen Items des Fragenblocks zur Informiertheit der SchülerInnen in Abbildung 1 zeigt, dass kein einziges Item mit positiver Beantwortung (trifft voll zu /trifft eher zu), die Marke von 60% überschreiten konnte. Auffallend war hier der relativ hohe Prozentsatz der fehlenden Werte (45,4%), die entweder „weiß nicht“ oder „keine Angabe“ ankreuzten bzw. bei Frage 6 unentschlossen waren und „teils, teils“ geantwortet haben.
Aus den Ergebnissen zu Frage 7 kann abgeleitet werden, welche Art der Kommunikation bei den SchülerInnen (aller drei Schulen) angekommen ist und welche eventuell verbesserungsfähig ist (siehe Abbildung 2). Frage 7 lautete: „Kreuze an, wo du in deiner Schule Informationen über Peer-Mediation und „Peers“ gesehen/gehört hast: (Mehrfachantworten möglich!)

Abbildung 2: Häufigkeiten Frage 7

Der persönliche Kontakt durch Klassenbesuche der Peers „Peers gehen in die Klassen“ wurde am häu-figsten angeführt, dicht gefolgt von Item 2 „Schwarzes Brett/Plakate“, beide lagen dabei um die 40%-Marke.

3. 55,6% der “erfahrenen” SchülerInnen, die bereits an einer Peer-Mediation teilgenommen haben, wür-den sich nicht wieder an einen Peer wenden, wenn sie wieder ein Problem hätten. Insgesamt wurde die Frage „Wenn du momentan ein Problem mit einem Mitschüler hättest, würdest du einen Konfliktlot-sen/Peer um Hilfe bitten?“ von 184 SchülerInnen (64,3% der gültigen Stimmen) verneint. Fast 30% aller SchülerInnen, waren unschlüssig, ob sie einen Peer bei einem künftigen Problem kontaktieren würden.


4. Bei der Frage nach dem Grund der Nichtnutzung „Warum würdest du dich NICHT an einen „Peer“ wenden oder bist dir nicht sicher? Kreuze an, was für dich zutrifft:“, lag der Anteil an fehlenden Werten („weiß nicht“) jeweils über 20%. (siehe Abbildung 3)

 

Abbildung 3: Häufigkeitsverteilung

Aus den verneinenden Antworten der Kinder konnte geschlossen werden, dass sie keine Angst davor haben, zu viel vom Unterricht zu versäumen, mit der Mediation zu scheitern, ausgelacht zu werden, oder Schwäche zu zeigen. Bei dem Item „Die Methode hat mich beim letzten Mal nicht überzeugt“, muss aber-mals bedacht werden, dass hier jene SchülerInnen angesprochen wurden, die bereits Erfahrung mit Peer-Mediation gemacht hatten und aus diesem Grund fast doppelt so viele „weiß nicht“ - Angaben verzeichnet wurden.
Die beiden Gründe „Die Peers sind mir zu wenig vertraut, ich kenne sie kaum“ und „Ich würde mit mei-nem Problem lieber zu einem Erwachsenen (Eltern, Professor, etc.) gehen, statt zu einem Gleichaltrigen“, wurden mit Abstand am häufigsten bejaht. Die Angst, dass es alle erfahren, erreichte 27,8% - der drittwich-tigste Nichtnutzungsgrund.
Ein separater Blick auf die Verteilung der „Trifft voll zu“- Antworten zeigt in Abbildung 5, dass sich die beiden Hauptgründe deutlich von den restlichen Begründungen abheben und somit in dieser Untersuchung Haupt-Nichtnutzungsgründe identifiziert werden können.

Abbildung 4: Prozentverteilung

Das Item „Die Methode hat mich beim letzten Mal nicht überzeugt“, erreichte 10% und ist wichtiger als die Angst, dass es alle erfahren.

5. Die Items „Die Mediation war erfolgreich und wir haben eine Lösung gefunden.“ und „Wir haben es nicht geschafft uns einig zu werden.“, spiegeln die Antworten jener SchülerInnen wider, die bereits Erfahrung mit Peer-Mediation gemacht haben und darüber Auskunft gaben, wie erfolgreich diese verlaufen ist.
Aus den Angaben der Peers durch die Fragen “Wie viele Mediationen hast du selbst bisher als Peer durchgeführt?” und “Wie viele davon konnten erfolgreich abgeschlossen werden?”, konnte eine Erfolgsquote berechnet werden, die einen Erfolg aus Sicht der Peers abbildet. (M =.90, Md = 1.0, SD .17) Da der Erfolg der Peer-Mediationen nicht nur von den Peers selbst, sondern auch aus Sicht der SchülerInnen als erfolgreich bewertet wurde, kann davon ausgegangen werden, dass die Peer-Mediationen an den teilnehmenden Schulstandorten bisher erfolgreich durchgeführt wurden.

6. Konfliktlotsen werden mehrheitlich negativ von den SchülerInnen angesehen, denn auf die Frage „Kommt es vor, dass Mitschüler ablehnend auf Konfliktlotsen reagieren?“, haben 204 (ohne “weiß nicht”-Angaben), - 74,5% diese Frage bejaht. Eine eindeutige Ablehnung der Peers wird hier ersichtlich.

7. Der Wunsch, selbst ein Peer zu werden, wurde in Frage „Würdest du selbst gerne Konfliktlotse werden?“ abgefragt und konnte zusätzlich als Ausdruck für die Akzeptanz der Konfliktlotsen bzw. der Peer-Mediation selbst herangezogen werden. Interessant war, dass 60,9% der insgesamt 379 SchülerInnen, nicht ausgeschlossen haben, selbst Peer zu werden. Nahezu 20% der SchülerInnen gaben an, gerne Peer werden zu wollen. Bei 12,5% müsste die Initiative dazu von außen kommen, d.h. sie würden darauf warten, dass sie gefragt werden.

8. Insgesamt 88,5% von 296 SchülerInnen haben angegeben, es gut zu finden, dass es das Peer-Mediations-Angebot an ihrer Schule gibt und meinten auch, dass dieses Angebot an allen Schulen eingerichtet werden sollte.

9. Zwei bedeutende Aspekte, die auch im Datensatz der SchülerInnen betrachtet werden sollten, sind die Fragen nach Interesse und Freiwilligkeit. Die Antwortverteilung des Fragenblocks zum Interesse der SchülerInnen ist in Abbildung 5 dargestellt und zeigt, dass es zwar keine Strafe ist hinzugehen (über 60% verneint), es aber von nahezu 40% als „uninteressant“ gesehen wird.

Abbildung 5: Häufigkeiten

Ein Anteil von fast 50% enthielt sich der Aussage und antwortete mit “weiß nicht”. Die zweite Hälfte der Befragten gaben mehrheitlich an (81,9%), dass SchülerInnen an ihrer Schule nicht freiwillig die Mediation in Anspruch nehmen würden. Nach Auskunft der Peer-Coaches ist es in der Praxis hauptsächlich der Fall, dass die SchülerInnen von LehrerInnen zu einer Peer-Mediation geschickt werden und diese nicht freiwillig aufsuchen.

10. Ob die Ausbildung der Peer-Mediatoren als unzureichend eingeschätzt wird, wurde geprüft mit: „Die Peers waren überfordert“ und „Ich finde, die „Peers“ können das, was sie gelernt haben, noch nicht gut anwenden“. (Es soll darauf hingewiesen werden, dass die beiden Items aus einem Fragenblock stammen, die lediglich jene SchülerInnen beantworten sollten, die bereits Erfahrung mit Peer-Mediation gemacht hatten.) Der Chi²-Test ergab eine hohe Signifikanz (p<.001) und das berechnete Cramers V zeigte einen mittelstarken Zusammenhang (V = .48). Die Fragestellung der Hypothese war deskriptiv eindeutig zu beantworten: 69,2% von 91 SchülerInnen mit Peer-Mediations-Erfahrung verneinten sowohl die Frage nach Überforderung der Peers, als auch die Frage nach Anwendungsproblemen bei den Peers während der Mediation. Es kann daher angenommen werden, dass die Ausbildung der Peer-Mediatoren als ausreichend bezeichnet werden kann.

11. Bei der Frage an die Peers selbst (Sicht der Peers), ob sie den Ablauf der Mediation nach der Ausbildung gut beherrschten und ob sie gut auf die Praxis vorbereitet wurden, antwortete keiner der 40 Peers mit Nein. Exakt die Hälfte der Peers bejahten beide Fragen, womit auch von Seiten der Peers von einer ausreichenden Ausbildung ausgegangen werden kann. Ebenfalls wurden die Kontrollfragen der beiden Items des Peer-Fragebogens analysiert, die die Ausbildungslänge als auch die Unsicherheit danach abfragten. Aus Sicht der Peers (81% der gültigen Stimmen) war die Ausbildung weder zu kurz, noch waren sie danach noch unsicher, womit die Aussage nochmals bestätigt wurde und die Ausbildung an den teilnehmenden Schulen als gut betrachtet werden kann.

12. Die Befragten meinen, die Ausbildung zum Konfliktlotsen verändert das Konfliktverhalten („Hat dich die Ausbildung zum Konfliktlotsen/Peer verändert? Wie stark treffen folgende Aussagen auf dich zu?“) Sämtliche Kombinationen möglicher Kreuztabellen wurden berechnet. Drei dieser Kombinationen konnten als am aussagekräftigsten identifiziert werden:

  • Die Mehrheit der Peers (52,6%) gaben an, sich nach der Ausbildung selbstsicherer gefühlt und danach auch bei der Kommunikation mit anderen mehr auf ihre Wortwahl geachtet zu haben.
  • Weiters gab ebenfalls die Mehrheit der Peers an, die Konflikte in der Umgebung nach der Ausbildung aufmerksamer beobachtet zu haben als davor und nun mehr auf ihre Wortwahl zu achten, wenn sie mit anderen sprechen.
  • Die höchste Übereinstimmung (64,7% der Peers, die geantwortet haben) wurde bei der Kombination „Steigerung der Selbstsicherheit“ und „Aufmerksamkeit gegenüber Konflikten in der Umgebung“ durch die Ausbildung sichtbar.

5. Ausblick

Mediation als alternatives, gewaltfreies Konfliktlösungsinstrument an Schulen ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. BMUKK (2010) hat Rahmenvorgaben für die Ausbildungen der Coaches als auch der Peers veröffentlicht. Bisher gibt es einzelne Studien, die die Wirkungsweise und den Erfolg der Projekte empirisch untersucht haben. Positiv anzumerken ist jedenfalls, dass in den letzten Jahren mehrere Schritte in die richtige Richtung (gegen Gewalt an Schulen) unternommen worden sind und jedes einzelne dieser Projekte ein Gewinn für die Streitkultur an Schulen ist. Nichtsdestotrotz sind wir noch weit davon entfernt, dass die Vermittlung von Konfliktlösungskompetenzen jedem Schulkind und damit der zukünftigen Streitkultur der nächsten Generation allgemein zu Gute kommt.
Die Hoffnung und Erwartungen sind groß, dass mit der Peer-Mediation als Konfliktlösungsinstrument an Schulen ein hilfreiches Verfahren zur Konflikt- und Gewaltbewältigung an Schulen gefunden wurde. Ob dieses Instrument tatsächlich erfolgreich und nachhaltig einsetzbar ist und von den SchülerInnen akzeptiert und genutzt wird, muss noch eingehender untersucht werden. In meiner Studie gaben dazu 64,3% der SchülerInnen an, sich bei einem zukünftigen Problem nicht an einen Peer wenden zu wollen, was eine geringe Nutzungstendenz bestätigte.
Es konnten zwei Haupt-Nichtnutzungsgründe identifiziert werden. Eine deutliche Mehrheit der SchülerInnen würde bei einem Problem lieber einen Erwachsenen vorziehen, als einen Gleichaltrigen. Ebenfalls deutlich von den anderen abgehoben hat sich der Nichtnutzungsgrund, dass die SchülerInnen die Peers kaum kennen und sie zu wenig vertraut sind. Ein Informationsdefizit hinsichtlich des Wissens der SchülerInnen über die Peer-Mediation als Methode konnte festgestellt werden, jedoch kein Informationsdefizit hinsichtlich der Kenntnis, wer an der Schule Konfliktlotse ist und wo die Konfliktlotsen zu finden sind.
Die Hypothese, dass die Konfliktlotsen mehrheitlich positiv von den SchülerInnen angesehen werden, konnte nicht bestätigt werden, da 74,5% der 204 abgegebenen Antworten (ohne „weiß nicht“-Angaben), bestätigten, dass es ablehnende Reaktionen auf Konfliktlotsen an ihrer Schule gibt. In der Praxis stellte es sich so dar, dass die Peers meist älter waren (Gymnasium Oberstufe) als die SchülerInnen, die das Angebot nutzen sollen (Gymnasium Unterstufe). Dies könnte ein Faktor für die Ablehnung der Peers darstellen, die in einer weiteren empirischen Studie überprüft werden könnte.
Als Maßstab für die Akzeptanz der Konfliktlotsen bzw. der Peer-Mediation selbst wurde die Frage, ob die SchülerInnen selbst gerne Peer werden würden, von 60,9% (von 379 SchülerInnen) nicht ausgeschlossen. Nahezu 20% gaben an, Peer werden zu wollen und 12,5% würden darauf warten, gefragt zu werden.
In der Untersuchung des Interesses der SchülerInnen bzgl. Peer-Mediation konnte herausgefunden werden, dass es zwar von mehr als 60% der SchülerInnen nicht als Strafe gesehen wird, zur Peer-Mediation zu gehen, jedoch haben nahezu 40% das Thema als „uninteressant“ bewertet.
Ein interessanter Zusammenhang konnte zwischen der Freiwilligkeit zur Peer-Mediation zu gehen und der Ablehnung der Peers beobachtet werden. Die Mehrzahl (72,1%) hat bestätigt, dass die Mitschüler nicht freiwillig zur Mediation gehen würden und dass es Ablehnungsreaktionen gegenüber der Peers gibt.
Die Ausbildung der Peers konnte als ausreichend bestätigt werden, sowohl aus Sicht der SchülerInnen (keine Anwendungsprobleme oder Überforderungen während der Mediation), als auch aus Sicht der Peers (beherrschte Ablauf gut, wurde gut auf Praxis vorbereitet, Ausbildung war nicht zu kurz, hatte keine Unsicherheiten danach).
Die Annahme, dass die Ausbildung zum Konfliktlotsen eine Veränderung des Konfliktverhaltens herbeiführt, konnte auch in dieser Studie belegt werden. Die Peers gaben mehrheitlich an, sich danach selbstsicherer gefühlt zu haben, aufmerksamer bei Konflikten in ihrer Umgebung zu sein als vor der Ausbildung und mehr auf ihre Wortwahl zu achten, wenn sie mit anderen kommunizieren.
Der IST-Zustand stellt sich somit kontrovers dar: Akzeptanz der Methode, jedoch überwiegende Nichtnutzung. Ablehnung der Peers, aber nicht ausschließen, selbst Peer zu werden. Erfolgreiche und nachhaltige Mediationen, dennoch wenig Interesse. Genügend Informationen über Konfliktlotsen, aber ein Infodefizit hinsichtlich Peer-Mediation.
Wie könnten die Erkenntnisse dieser Studie zu einer Verbesserung der Situation am „Konfliktherd Schule“ beitragen? Das erklärte Ziel ist es, die Gewaltsituation an österreichischen Schulen einzudämmen. In dieser Studie konnte bestätigt werden, dass die Ausbildung zum Peer eine Möglichkeit ist, das Konfliktverhalten der SchülerInnen positiv zu beeinflussen. Wäre es nicht erstrebenswert diesen positiven Effekt, den die (gute) Ausbildung auf die Peers und ihr Konfliktverhalten hat, allen Kindern zukommen zu lassen und es zu einem fixen Bestandteil der Schulausbildung zu machen? Könnte man sich eine Zukunft vorstellen, in der die Grundlagen der Mediation Bestandteil unseres Denkens und Handelns sind, weil die Kinder, die darin geschult wurden, heute erwachsen sind und diese Prinzipien wiederum an ihre Kinder weitergeben?
Da es sich bei Änderungen im Konfliktverhalten um einen Prozess handelt, der nicht von heute auf morgen gelebt werden kann, braucht es bei der Umsetzung jedoch vor allem Geduld.

„Ein weiterer wichtiger Punkt war die Frage der Übertragung von Lernerfahrungen. Immer wieder hatten die Jugendlichen bei Übungen und Rollenspielen auch gute Ideen, wie sie Konflikte gewaltfrei lösen konnten. Wenn sie kurz darauf in einen echten Streit verwickelt waren, schienen alle Ideen vergessen, und sie verhielten sich so wie immer. Erwarten Sie also keine kurzfristigen radikalen Veränderungen im Alltagsverhalten der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf Konflikte. Solche Lernprozesse brauchen – übrigens auch bei Erwachsenen – viel Zeit.“ (Walker, 1995, S. 143)



Literatur

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Weinberger, O. (2012). Peer-Mediation.Eine integrative Ausbildung zur Konfliktbewältigung in einer Lehrwerkstätte. Unveröffentl. Diplomarbeit, Universität Wien.

Internetquellen

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Wiener Online-Schulführer. PROBLEM:  www.schulfuehrer.at. Abrufdatum: 12.03.2015.



Eingegangen: 18.05.2015
Peer Review: 25.06.2015
Angenommen: 08.07.2015


Diesen Artikel zitieren als:
Leinweber, R. (2017). Wiener Peer-Mediation auf dem Prüfstand. Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften, 3, 60-69.

Autorin

Raffaela Leinweber, MSc; SMC-Seminare Mediation Coaching, Fachtrainerin für Kommunikations-, und Konflikttrainings, Projekt-Managerin und Auditorin; Absolventin des Universitätsinstituts ARGE Bildungsmanagement.

© ARGE Bildungsmanagement. Dieser Open Access Artikel unterliegt den Bedingungen der ARGE Bildungsmanagement, welche die Nutzung, Verbreitung und Wiedergabe erlaubt, sofern die ursprüngliche Arbeit richtig zitiert wird.

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