Yvonne Volkmar - Interkulturelle Kommunikation. Binationale Familien / Lebensgemeinschaften. Kulturdifferenzen und Konflikte.

Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften
Ausgabe 2017/01
ISSN 2312–5853

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Yvonne Volkmar 1 

Interkulturelle Kommunikation.
Binationale Familien / Lebensgemeinschaften.
Kulturdifferenzen und Konflikte

Zusammenfassung

Es wurde erhoben, welche bevorzugten Interaktionsmuster zur Konfliktlösung binationale junge Paare verwenden und inwieweit Kulturdifferenzen und sozio-kulturelle Prägungen einen Einfluss auf die angewandten interpersonellen Muster haben.
Dazu wurden verschiedene Konfliktsituationen definiert, die als Grundlage eines qualitativen Experiments mittels problemzentrierter Rollenspiele dienten. Im Anschluss wurden die erhobenen Daten mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) ausgewertet.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Mehrheit der zu Beforschenden die von Karl Tomm (1991) als Interpersonal Patterns bezeichneten Interaktionsmuster sowohl das Healing Interpersonal Pattern (HIP) als auch das Transforming Interpersonal Pattern (TIP) für die Lösung der selbstgewählten Konfliktsituationen benutzten, sodass die jeweils gewählten Konfliktsituationen konstruktiv und deeskalierend bewältigt und gelöst werden konnten. Die vorwiegend angewandten Interaktionsmuster Healing- und Transforming Interpersonal Pattern, sowie ein sachliches wie auch emotionales Ansprechen der zu lösenden Konfliktsituation stabilisierte die zwischenmenschliche Beziehung innerhalb der binationalen Partnerschaft während der Konfliktbewältigung, die eine empathische, wertschätzende und dauerhafte Lösung von Konfliktsituationen überhaupt erst ermöglicht.

Abstract

It was brought up as to which interaction habits regarding conflict resolution are favored by young binational couples.
To what extent are cultural differences and sociocultural influences having an impact on the used interpersonal patterns, as the preferred interaction patterns for conflict resolution of young binational couples?
Different conflict situations were created, which served as the basis for a qualitative experiment through problem-centered role plays. Subsequently the collected data were analyzed through the qualitative content analysis after Mayring (2015).
The results show that the majority of the subjects are using the interaction patterns which were called 'Interpersonal Patterns' by Karl Tomm (1991). Both, the Healing Interpersonal Pattern (HIP) and the Transforming Interpersonal Pattern (TIP) were chosen by the subjects to solve the self-chosen conflict situations. This way, the chosen situations were able to be solved in a constructive and de-escalating manner. The primarily used interaction patterns Healing- and Transforming Interpersonal Pattern, as well as an objective and emotional dealing with the conflict situations at hand, stabilized the interpersonal relationship in the binational relationship during the conflict solving, which is the basis for empathetic, appreciated and lasting resolution of conflict situations.
Keywords: Interkulturelle Kommunikation, Interaktionsmuster, Konflikt, Konfliktlösung, Kulturdifferenzen

1 PPC – Praxis für Psychotherapie & Coaching
 Korrespondenz über diesen Artikel ist zu richten an Yvonne Volkmar, MSc, Horn-Westerwinkel 10, 59387 Ascheberg, Deutsch-land.
E-Mail: infoⒶppc-westerwinkel.de

1. Einleitung und Fragestellung

Sowohl in der Politik, der Wirtschaft, der Sozialwissenschaft wie auch in den einzelnen Gesellschaften wird das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen medienwirksam thematisiert und nicht selten auch polarisiert. Im beruflichen Kontext sind interkulturelle Kompetenzen und das daraus resultierende Kommunikations- und Konfliktverhalten einer der Schwerpunkte in Beratung und Coaching. Der berufliche Kontext ist jedoch nur ein Schauplatz des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
In einer Zeit, in der sich durch die fortschreitende Globalisierung immer mehr Menschen durch Au-pair-Aufenthalte, Reisen, Studium etc. in verschiedenen Ländern aufhalten, ist es lohnend, die Kulturdifferenzen und Konflikte nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch in binationalen Familien und Lebensgemeinschaften aus einem neuen Blickwinkel heraus zu betrachten. Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen treffen aufeinander, lernen sich näher kennen und lieben. Diese binationalen Menschen erleben als Familie oder Lebensgemeinschaft in den verschiedensten Themenbereichen Situationen, die von Missverständnissen, Streit und Konflikten geprägt sein können und die relevant für ein gemeinsames Wachstum mit- und zueinander sind.
Finden Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zueinander, so ist dies nicht nur eine Herausforderung für jeden Einzelnen/jede Einzelne, sondern es ist auch eine Entdeckungsreise im Hinblick auf die Vielfalt der Werte, Haltungen und Einstellungen sowie Konfliktlösungsstrategien.
Welche interpersonellen Muster als bevorzugte Interaktionsmuster werden zur Konfliktlösung von jungen binationalen Paaren verwendet? 2016 ist dazu meine Masterthesis approbiert worden, die sich mit den Interaktionsmustern bei einer von beiden zu lösenden Aufgabenstellung beschäftigt, die an die kulturellen Traditionen und Identitäten der beiden anrührt.

2. Interpersonal Patterns als Lösungsstrategie kulturspezifischer Konflikte

2.1. Konflikte in binationalen Partnerschaften und kulturspezifische Konflikte

Konflikte in binationalen Partnerschaften können viele verschiedene Ursachen haben. Es gibt zum einen typische Konfliktfelder, die gar nichts mit unterschiedlichen Kulturen im engeren Sinne zu tun haben, wie z.B. Kommunikationsprobleme, Alltagsrassismus, Probleme mit der Ausländergesetzgebung und Machtkonflikte. Zum anderen existieren verschiedene Konfliktfelder, die mit kulturellen Unterschieden zusammenhängen, wie vor allem Beurteilungs- und Wahrnehmungskonflikte oder auch Beziehungskonflikte, bei denen die soziokulturellen Wertesysteme, Deutungs- und Verhaltensmuster partout nicht zusammenpassen. Im Konfliktmanagement bedarf es des „Über-den-kulturellen-Tellerrand-Schauens“, um sowohl die eigene Identität und die sozialen Kategorisierungen, Werte, Stereotype und möglichen Vorurteile als auch die des Konfliktpartners zu erkennen.
In der Regel wird angenommen, dass kulturelle Unterschiede zu Missverständnissen und in deren Folge auch zu Konflikten führen (Mattl, 2004, S. 10). Kulturelle Unterschiede, die sich beispielsweise im Verhalten und in den bevorzugten Handlungsoptionen zeigen, können auf unterschiedliche Werte und Glaubenssätze, soziokulturelle Normen und Regeln sowie kulturspezifische Bedeutungen und Interpretationen zurückgeführt werden.
Die unterschiedlichen Verantwortungs- / Verpflichtungsbereiche können zu folgenden Konflikten führen:

  • Beziehungskonflikte,
  • Beurteilungs- und Wahrnehmungskonflikte,
  • Verteilungskonflikte.

Zu Beziehungskonflikten kommt es in aller Regel, wenn Persönlichkeitsstrukturen, Wertesysteme, Deutungs- und Verhaltensmuster nicht übereinstimmen oder sogar gegensätzlich sind. Während man davon ausgehen kann, dass die individuellen Ziele in einer Beziehung in jedem interpersonalen Konflikt eine Rolle spielen, muss in einem interkulturellen interpersonalen Konflikt jedoch nicht zwingend die kulturelle Identität bedeutsam werden (Triandis, 2001, S. 36).
Machtkonflikte als eine spezielle Form der Beziehungskonflikte spielen in diesen Partnerschaften auch meist eine Rolle und werden oft über die Kindererziehung ausgetragen, wenn die Eltern ihren Kindern unterschiedliche Werte, Sprachen oder Religionen vermitteln wollen. Bei Beurteilungs- und Wahrnehmungskonflikten ist ein Informationsdefizit gegeben oder es fehlt die Bereitschaft, sich in die andere Situation / Perspektive hineinzuversetzen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich binationale Paare mehr Herausforderungen stellen müssen als mononationale Paare. Die spezifischen Problemfelder des Zusammenlebens entstehen jedoch nicht aufgrund der kulturellen Unvereinbarkeit, sondern auch durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und andere äußere Faktoren.
Der kulturspezifische Konflikt entsteht durch Missverständnisse infolge starrer Erwartungen, bevorzugter Kommunikationsmuster, infolge von Projektionen auf den Partner, Stereotypen und kulturellen Wertevorstellungen. Um die zahlreichen Herausforderungen und Hürden zu bewältigen, ist ein reger Austausch des binationalen Paares über Einstellungen zu bestimmten Situationen, Gefühlen, Denk- und Verhaltensweisen unabdingbare Voraussetzung.

2.3. Konflikt-Lösungs-Strategien und Muster (HIPS, TIPS, PIPS)

Karl Tomm, ein kanadischer Psychiater und Systemiker, ist der Überzeugung, dass Partner, die in einer konfliktgeladenen Beziehung leben, von schädlichen Kommunikationsmustern beherrscht werden. Diese Muster würden nicht von dem Beziehungssystem selber produziert, sondern sie seien das Ergebnis von Teufelskreisen, wobei die Bemühungen, dieses Kommunikationsmuster zu durchbrechen, nur deren Verfestigung bewirken würden (Tomm, 1991, S. 21).
Die primäre Annahme ist, dass die Muster menschlicher Interaktionen, in die wir verwurzelt sind, einen großen Einfluss auf unsere Erfahrungen und psychische Gesundheit haben. Mit diesem System werden die sich wiederholenden Interaktionen zwischen zwei oder mehreren Personen als interpersonale Muster definiert und von diesen in ihrer Ausprägung verstärkt.
Einige zwischenmenschliche Muster haben „psycho-pathologisierende'' Auswirkungen auf die involvierten Personen, während andere hingegen „heilende“ oder „Wellness“-Auswirkungen haben. Der spezifische Effekt hängt von der Natur des Verhaltens ab, die hinsichtlich der Interaktionen und Bedeutungen der im Muster involvierten Person verordnet wurde. Sobald sich ein Interaktionsmuster durchsetzt, sind andere Individuen schneller bereit, daran zu partizipieren, und verstärken somit sogar noch diesen Effekt (Tomm, 1991, S. 21).
Ein Beispiel eines grundlegenden Pathologizing Interpersonal Pattern (PIP) zwischen zwei Personen ist: „Kritik lädt zu einer weiteren Abwehrhaltung ein, und die Abwehrhaltung zu weiterer Kritik usw.'' (Tomm, 2014, S. 22). Wenn jede Person ihre jeweilige Kritik und Abwehrhaltung wiederholt, wird ihr Verhalten in einem zyklischen oder kreisförmigen Muster vereint. Gesteigerte Kritik löst eine gesteigerte Abwehrhaltung aus und umgekehrt.
Ein Healing Interpersonal Pattern (HIP) – Interpersonelles Heilungsmuster -, das als spezifisches Gegenmittel gegen oben genanntes PIP dienen könnte, lautet „selektives Wahrnehmen und Anerkennung von Kompetenz'', welches ein verstärktes Auftreten von Kompetenzen herausbeschwört, was im Gegenzug wieder mehr Wahrnehmung von Kompetenzen nach sich zieht, etc. In diesem kreisförmigen Muster haben die ergänzenden Handlungsweisen positive Effekte, inklusive eines größeren Respekts und mehr Anerkennung für den anderen (Tomm, 2014, S. 24).
 

Abbildung 1: PIP und HIP Modell 

Diese „Wachstums- oder Heilungs-Muster“ sind jedoch recht schwer zu starten und aufrechtzuerhalten, wenn die psychopathologischen Muster schon gut etabliert sind. Gespräche oder Unterhaltungen eröffnen Möglichkeiten, die Interaktionen bewusst zu machen und sind oft der erste Schritt, um die Interaktionen zu unterbrechen bzw. um eine Heilungsalternative zu finden. Solch eine klärende Unterhaltung wäre ein Beispiel für ein Transforming Interpersonal Pattern (TIP) − transformierendes interpersonelles Muster -, welches einen Übergang von PIP zu HIP ermöglicht.
Ein Wellness Interpersonal Pattern (WIP), das sich mit den oben genannten HIP und PIP assoziieren ließe, könnte in der Anwendung von konstruktivem Feedback und dem Erlernen neuer Handlungsoptionen bestehen. Um es anzuwenden, bedarf es für das WIP eines hohen Maßes an Empathie, mehr zwischenmenschlichen Vertrauens sowie persönlicher Reife und Stärke seitens der involvierten Personen. Es ist daher ratsam, ein PIP zeitweise durch ein HIP zu ersetzen, bevor ein Fortschritt hin zu einem WIP erfolgreich sein kann. (Tomm, 2014, S. 25).
Auch ''Ausrutscher'' von HIPs (oder WIPs) zurück auf PIPs sind zu finden. Ein eher subtiler Typ von Rückschritt / Ausrutscher kann ein Deteriorating Interpersonal Pattern (DIP) − verschlechterndes zwischenmenschliches Muster − sein, wie beispielsweise: eine ''mangelnde Klärung lädt zu mangelnder Wahrnehmung ein, was wiederum zu mangelnder Klärung einlädt, etc.'', bis etwas Gravierendes passiert, das wieder die Kritik und Abwehrhaltung reaktiviert (Tomm, 2014, S. 26).
Der Prozess, geistige oder mentale Probleme und Konflikte zu bewerten bzw. zu lösen, ist ein kulturell festgelegtes Muster, das entweder psychopathologisierende oder heilende Wirkung haben kann. In der Alternative der interpersonalen Patterns werden die zwischenmenschlichen Muster bewertet und nicht die Personen, die in die Muster involviert sind. Dies bedeutet eine klare Verschiebung im Bewertungsfokus von persönlich zu zwischenmenschlich. Ein weiterer positiver Effekt des „Bezeichnens“ eines Interaktionsmusters ist, dass für die involvierten Personen ein Platz geschaffen wird, um sich von dem Muster zu distanzieren, was der Ausgangspunkt für ein Healing Interpersonal Pattern sein kann.

3. Empirische Herangehensweise

In der empirischen Sozialforschung ist die Wahl des Forschungsdesigns ein wichtiger Entscheidungsprozess, denn das verwendete Erhebungsinstrument ist von großer Bedeutung für die Qualität und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse. Da in dieser Fragestellung viele Aspekte potenziell einwirken, bietet sich eine qualitative Vorgehensweise an.

3.1. Eckpunkte des Forschungsdesigns

Der Forschungsgegenstand sind heterosexuelle, binationale Paare im Alter von 21 bis 37 Jahren, die aus sechs verschiedenen Nationen stammen. Den Zugang zu meinen Forschungsteilnehmern erhielt ich über meinen Sohn und meine Schwiegertochter, da neun von zehn Beforschten als Gäste auf ihrer Hochzeit im Juli 2014 anwesend waren, sodass hier ein erster Kontakt zwischen mir als Forscherin und den zu Beforschenden entstand. Da in dem Experiment das Konfliktlösungsverhalten in so sensiblen Themen wie Liebe, Umgang mit Geld, Werte und Normen und Herausforderungen im sozialen Umfeld erforscht wurde, war es für mich ein großer Vorteil, zwischen „Freunden“ vermittelt worden und direkt in Kontakt getreten zu sein, um eine Zusage / Absage zum Interview erhalten zu können.

3.2. Annäherung an den Forschungsgegenstand und an die zu Beforschenden

Wie bei der Erhebung der Daten, sollte auch an das erhobene Material möglichst offen und ohne Vorannahmen herangegangen werden. Das gewählte Vorgehen versteht sich im Sinne einer „Entdeckungsreise auf den Spuren von Experten- und Expertinnenwissen“ mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Aussagen und Interpretationen der Experten und Expertinnen zu ermitteln.
Als Erhebungsmethode wurde von mir das „problemzentrierte Rollenspiel“ für das qualitative Experiment gewählt. Diese Methodik lässt die Befragten möglichst frei zu Wort kommen, was einem offenen Gespräch nahekommt (vgl. Mayring, 2016, S. 67). Mit allen Personen war es mir möglich, „informelle Gespräche“ zu führen, die in der explorativen Phase der Forschungsarbeit sehr hilfreich waren und dazu dienten, den zu erforschenden Bereich genauer abzugrenzen, bevor die eigentliche Erhebung durchgeführt wurde (Atteslander, 2006, S. 129). Die Schwerpunkte der Konfliktsituationen, die den „Rahmen“ für die jeweiligen Rollenspiele bildeten, wurden zum einen durch die eigenen Wahrnehmungen der Herausforderungen und möglichen Konflikte aufgrund der Kulturdifferenzen junger binationaler Paare, zum anderen auch durch erste Informationen und Aussagen der zu Beforschenden während der informellen Gespräche vor dem Experiment erarbeitet.
Durch diese „informellen Gespräche“ konnte ich auch die Konfliktsituationen eruieren und definieren, die als Grundlage für das Erfassen der bevorzugten und angewandten Interaktionsmuster der Konfliktbewältigungsstrategien und der damit verbundenen kommunikativen und emotionalen Vorgänge innerhalb des „problemzentrierten Rollenspiels“ dienten.

  • Rollenspiel 1 – Erziehung der Kinder – nach welcher Religion?
  • Rollenspiel 2 – Erziehung der Kinder – Allgemein - wie im Herkunftsland der Mutter oder der „übervorsichtigen Schwiegermutter“?
  • Rollenspiel 3 – „Dankbarkeit“ – Aufenthaltsgenehmigung
  • Rollenspiel 4 – Finanzen – Umgang mit Geld
  • Rollenspiel 5 – Unterschiedliche Kulturen – „Bei uns ist das aber so üblich.“
  • Rollenspiel 6 – Druck von außen – Ablehnung oder Rückzug von alten Freunden

Am Tag des qualitativen Experiments wurden Befragungen in Form von Einzel-interviews zur Datengewinnung der wichtigsten soziodemografischen Fakten der zu Beforschenden durchgeführt. Danach folgte die Übergabe der kompakten Beschreibungen zu den jeweiligen Rollenspielen, aus der sich die zu Beforschenden jeweils zwei Konfliktsituationen aussuchten. Im Anschluss daran fanden die Rollenspiele statt, an denen die individuellen Interaktionsmuster bei der Konfliktbewältigungsstrategie der binationalen Paare erforscht wurden. Die Dauer der Rollenspiele variierte zwischen 5 Minuten und 47 Sekunden und 13 Minuten und 25 Sekunden.

3.3. Datenauswertung

Interessant war die Entscheidung der Paare für die jeweiligen Konfliktsituationen, an denen die problemzentrierten Rollenspiele durchgeführt wurden. Alle fünf Paare entschieden sich spontan für die Konfliktsituation 1 – Erziehung der Kinder nach welcher Religion? -, obwohl nur zwei Paare bisher ein Kind hatten und auch keine Frau von den fünf zu beforschenden Paaren zum Zeitpunkt des Experiments schwanger war. Drei von den fünf Paaren entschieden sich für das Konfliktthema „Unterschiedliche Kulturen – Bei uns ist das aber so üblich“ und zwei von den fünf Paaren entschieden sich für das Konfliktthema „Finanzen – Umgang mit Geld“ als zweites problemzentriertes Rollenspiel, wobei in beiden Fällen jeweils der Mann der Auslöser für die Wahl des „Konfliktthemas“ war.
Die Rollenspiele wurden mit einem digitalen Audioaufnahmegerät aufgezeichnet und transkribiert, sodass die kommunikativen Aussagen der Datenauswertung dienten.
Die Auswertung meiner generierten Daten erfolgte in Anlehnung an die Globalauswertung nach Legewie. Das Ziel dieser Auswertungsmethode ist es, „eine Übersicht über das thematische Spektrum des zu interpretierenden Textes zu gewinnen“ (Flick, 2010, S. 417). Bei der Festlegung der Kategorien wurde induktiv vorgegangen. Meuser und Nagel weisen ausdrücklich auf die Gefahr hin, „Inhalte durch voreiliges Klassifizieren zu verzerren und Informationen durch eiliges Themenraffen zu verschenken“ (Bogner, Littig & Menz, 2005, S. 84). Um diese Gefahr zu umgehen, wurde zu Beginn das gesamte Material gelesen. In Anlehnung an das Vorgehen des offenen Kodierens wurden beschriebene Phänomene benannt, gruppiert und verdichtet. Ergänzend zur ursprünglichen Fragestellung konnte so ein vorläufiges System aus Kategorien, teilweise bereits mit Subkategorien, gewonnen werden. Dieses Kategoriensystem diente als Grundlage für die weitere Auswertung.

4. Ergebnisse

Es zeigt sich, dass die Mehrheit der zu Beforschenden als Interpersonal Pattern sowohl das Healing Interpersonal Pattern (HIP) als auch das Transforming Interpersonal Pattern (TIP) als Inter-aktionsmuster für die Lösung der selbstgewählten Konfliktsituationen genutzt haben, welches einen Übergang von PIP zu HIP bzw. die Vermeidung von PIP ermöglicht.

Tabelle 1 veranschaulicht, welche Interpersonal Patterns zur Konfliktbewältigungsstrategie von den befragten jungen binationalen Paaren angewandt wurden.

 

Tabelle 1: Übersicht

Um eine möglichst exakte Darstellung und Zuordnung der kommunikativen Aussagen aus den jeweiligen problemzentrierten Rollenspielen zu den nach Karl Tomm (1991) definierten Interpersonal Patterns zur Konfliktlösung zu erhalten, definierte ich im Verlaufder Auswertung weitere 19 Subkategorien zu den bereits vorhandenen IP, um so eine detailliertere Zuordnung der kommunikativen Aussagen zu den jeweiligen Interpersonal Patterns zu ermöglichen:

Tabelle 2: Übersicht der Subkategorien

Die am häufigsten verwendeten Subkategorien über alle Paare und Rollenspiele hinweg waren sowohl die Klärung des Problems (KP) als bevorzugtes Stilmittel des Transforming Interpersonal Pattern als auch das Zeigen und Ansprechen der Offenheit (OF) im Rahmen des Healing Interpersonal Patterns. Beide Kommunikationstechniken sind unabdingbar für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema, verbunden mit der Darstellung und Offenbarung der eigenen Sichtweisen, Werte und Vorstellungen.

Tabelle 3: Übersicht der Kategorien

Alle Paare starteten ihre problemzentrierten Rollenspiele mit einer Kommunikationstechnik, die entweder dem TIP oder dem HIP entsprach. Durch die Anwendung eines Healing oder Transforming Interpersonal Pattern, wie das Ankündigen des zu klärenden Sachverhalts, das gegenseitige aktive Zuhören, das Wahrnehmen oder auch das Offenlegen der eigenen Wünsche, Sichtweisen und Werte, entstand ein emotional stabiles zwischenmenschliches „Klima“ ohne direkte Schuldzuweisung, jedoch mit dem betonten Ansprechen der zu lösenden Konfliktsituation.

Tabelle 4: Zitate

Die Paare verwendeten mehr als doppelt so häufig ein Pathologizing Interpersonal Pattern als mögliche Konfliktlösungsstrategie im Rollenspiel 2 – 96 PIP versus Rollenspiel 1 – 43 PIP. Pathologizing Interpersonal Pattern wird umgangssprachlich auch als de-struktiver Kommunikationsstil bezeichnet. Ein solcher ist durch Koordinationsschwierigkeiten in der Kommunikation – die Partner haben dann nicht selten das Gefühl, „aneinander vorbeizureden“ – sowie den Austausch pauschaler und verächtlich vorgetragener Kritik gekennzeichnet. Die Partner verhalten sich in Konflikten diffus-emotional oder dominant und sie weisen einander die Schuld zu, begeben sich in eine eindeutige Abwehrhaltung oder es kommt zu einer verbal kommunizierten Nicht-Übereinstimmung. Ein Beispiel eines grundlegenden Pathologizing Interpersonal Pattern (PIP) zwischen zwei Personen ist: „Kritik lädt zu einer weiteren Abwehrhaltung ein, und die Abwehrhaltung zu weiterer Kritik ein usw.“.
Folgende beispielhafte Zitate belegen dies:

  • Paar 2: Rollenspiel 1 (Erziehung der Kinder nach welcher Religion?)
    Kategorie PIP – Subkategorie NU: „[...] ich würde ihn lieber in einen internationalen schicken, wenn Du nicht möchtest, dass ich ihn in einen deutschen schicke. Ich würde eher das machen“ (Paar 2, RS 2, E.O., S. 2, Zeile 44-48).D.H. Zeile 49-57 – Kategorie PIP – Subkategorie AH: „Tja, ziemlich überzeugend, aber nein“ (Paar 2, RS 2, D.H., S. 2, Zeile 49-57).
  • Paar 4: Rollenspiel 2 (Finanzen/Umgang mit Geld)
    Kategorie PIP – Subkategorie NU + KR: „Ja Iole, das geht nicht. Müssen wir was sparen, so jetzt bist Du schwanger, bald kommt die Kleine und ja, so noch ein Jahr mit Elterngeld, Jahr oder so, aber äh, so ich kann nicht alles schaffen“ (Paar 4, RS 2, C.G., S. 2, Zeile 42-44).
    Kategorie PIP – Subkategorie KR: „Ja, aber Du hast gerade ein neues Fahrrad gekauft. Das war nicht so wichtig. Du hast nur ...“ (Paar 4, RS 2, I.P., S. 2, Zeile 45-46).
    Kategorie PIP – Subkategorie KR: „Ja, aber ich habe das Fahrrad, ich habe das Fahrrad gekauft, weil ich nach der Arbeit mit dem Fahrrad gehen will, ja, und kannst Du mit dem Auto bleiben. Was wichtig ist“ (Paar 4, RS 2, C.G., S. 2, Zeile 47-49).

Aufgrund der verstärkten Anwendung eines Pathologizing Interpersonal Pattern in den Rollenspielen 2 durch Kritik, Abwehrhaltung oder eine Nicht-übereinstimmung, wodurch sich die zwischenmenschliche Beziehung verschlechterte, kam es demzufolge zum Auftreten eines Deteriorating Interpersonal Pattern (DIP), da Kritik auf Kritik folgte bzw. persönliche Angriffe stattfanden. Ein Deteriorating Interpersonal Pattern ist gekennzeichnet durch eine emotional abwertende und verletzende Art, andere Men¬schen anzusprechen. Die kommunikative Aussage ist in der Regel immer an die vorherige Aussage des Partners / der Partnerin gekoppelt mit dem Ziel der „Verschiebung“ bzw. des „Zurück-Verweisens“ der auslösenden Aktion der konfliktverschärfenden Situation an den anderen / die andere.
Der „schleichende“ Übergang von einem Pathologizing Interpersonal Pattern zu einem Deteriorating Interpersonal Pattern wird an folgenden beispielhaften Zitaten dargestellt.

  • Paar 2: Rollenspiel 2 (Finanzen/Umgang mit Geld)
    Kategorie PIP – Subkategorie KR: „[...] und vielleicht wäre es wirklich nett, wenn Du mir ein bisschen mehr Verständnis entgegenbringen könntest, wie ich mich fühle. Ich meine ...“ (Paar 2, RS 2, D.H., S. 2, Zeile 69-72).
    Kategorie DIP – Subkategorie KK: „Was gibt’s denn daran nicht zu verstehen? Wir teilen alles, wir kaufen [...]“ (Paar 2, RS 2, E.O., S. 2, Zeile 73-76).

Die oben beschriebenen beispielhaften Zitate stellen dar, wie die erstmalige Anwendung einer Kritik in Bezug auf die Meinungen, Sichtweisen und Werte des anderen / der anderen bzw. die Offenbarung einer Nichtübereinstimmung den Beginn einer sich abwärts bewegenden Spirale der Wertschätzung und des zwischenmenschlichen Verhaltens in Gang setzen kann. Durch den darauffolgenden Einsatz eines Transforming bzw. Healing Interpersonal Pattern gelang es den Paaren jedoch, sehr schnell wieder in eine wertschätzende und konstruktive Kommunikation zu wechseln, die durch Offenheit und den Wunsch nach Klärung des Problems geprägt war. Inwieweit dieser schnelle Wechsel von DIP zu einem Transforming oder Healing Interpersonal Pattern sich auch auf den Wunsch nach Vermeidung einer Eskalation gründet, lässt sich nicht klar erkennen.
In der vorliegenden Untersuchung wurde gezeigt, dass durch die Anwendung des Transforming Interpersonal Pattern und des Healing Interpersonal Pattern als überwiegende Interaktionsmuster die jeweils gewählten Konfliktsituationen konstruktiv und deeskalierend bewältigt und gelöst werden konnten. Durch das beobachtete Verhalten gelang es, die zwischenmenschliche Kommunikation innerhalb der binationalen Partnerschaft während der Konfliktbewältigung zu stabilisieren, sodass eine sachliche wie auch emotionale Ansprache der zu lösenden Konfliktsituation sowie eine konstruktive Konfliktlösung erzielt werden konnte, die von beiden Partnern getragen wurde.

5. Diskussion und Ausblick

Eine große Herausforderung für binationale Paare sind die an manchen Stellen unerwarteten unter-schiedlichen Gewohnheiten, Rituale und Selbstver-ständlichkeiten in ihren Herkunftsfamilien und –kulturen. Die Referenzsysteme zur Begründung sind dem anderen dabei nicht zugänglich und oft gibt es Zuschreibungen, die auf wenig lokales Wissen auf-bauen. Diese Schwierigkeiten zeigen sich – von außen gesehen - in den Themen der interkulturellen Kommunikation und insbesondere dem Umgang mit Konfliktsituationen und Kulturdifferenzen.
Durch die bevorzugte Anwendung des Healing und des Transforming Interpersonal Patterns ist aus meiner Sicht eine empathische, wertschätzende Lösung von Konfliktsituationen und damit auch eine positive Beziehungsgestaltung überhaupt erst möglich oder der Bestand der positiven gegenseitigen Wertschätzung damit gewährleistet. Die Wahl der angewandten Interaktionsmuster HIP und TIP ist offensichtlich von dem gemeinsamen Wunsch geprägt, durch eine gelebte gegenseitige Akzeptanz der soziokulturellen Prägungen eine Konfliktlösung mittels einer neuen Handlungsoption im Sinne von Offenheit und Verständnis − „Wie verhält sich mein Partner? Was ist bei uns anders?“ − zu finden.
Nach meiner Einschätzung ermöglicht das Anwenden von Healing und Transforming Interpersonal Pattern bei auftretenden Konflikten die Ermutigung des / der anderen, seine / ihre inneren Verhaltens- und Erlebenswelten zu entdecken und zu offenbaren, die zuvor wenig bewusst oder sogar verdrängt wur-den. Überbordende Muster des Denkens und Fühlens, die von der Herkunftsfamilie und der kulturellen Prägung bestimmt sind, können dadurch in Sprache kommen, mitgeteilt und damit auch aufgelockert, angepasst oder verändert werden. Durch die Offenheit, sich auch mit den Augen des / der anderen zu sehen, durch die Blickwinkelerweiterung wird es möglich, die Welt des / der anderen und die eigene neu zu interpretieren. Liebe und das Vertrauen in den anderen / die andere, sich zu öffnen, bilden die Basis, um herkömmliche Strukturen auch verlassen zu können und so neue Handlungsoptionen zur Lösung von Konflikten zu erzielen.
Die empirische Untersuchung hat diese Dynamiken in einem qualitativen Experiment aufzeigen können. Mag diese Gesprächskultur auch nicht immer wirksam werden - ein Unterbrechen der Deteriorating Patterns und Zurückführen auf andere Interaktionsmuster ist Job von Beratern und Mediatoren und Mediatorinnen.

Literatur

Atteslander, P. (2006). Methode der empirischen Sozialforschung. Berlin: Schmidt Verlag.

Bogner, A., Littig, B. & Menz, W. (2005). Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Flick, U. (2010). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. 3. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Mattl, C. (2004). Zum Verständnis interkultureller interpersonaler Konflikte in der Mediation (unter besonderer Berücksichtigung der Ergebnisse aus der empirischen kulturvergleichenden und interkulturellen Konfliktforschung). In Streiten Kulturen? (7-29). Wien: Springer Verlag.

Mayring, P. (2016). Einführung in die qualitative Sozialforschung. 6. überarbeitete Auflage. Weinheim-Basel: Beltz.

Tomm, K. (1991). Beginning of a “HIPs and PIPs” approach to psychiatric assessment. The Calgary Participator, 1(1), 21-24.

Tomm, K. (2014). Introducting the IPscope: A Systemic Assessment Tool for Distinguishing Interpersonal Patterns. In
Tomm, K., Wulff, D., George, St. & Strong, T. (Hg.) Patterns of Interpersonal Interactions: Inviting Rela-tional Understandings for Therapeutic Change. (13-35). Routledge: New York.

Triandis, H.-C. (2001). Individualism and collectivism. Past, present and future. In Matsumoto, D. (Hg.) The handbook of culture & psychology (35-50). University Press Oxford.

Eingegangen: 13.12.2016
Peer Review: 04.01.2017
Angenommen: 08.02.2017


Diesen Artikel zitieren als:
Volkmar Y. (2017). Interkulturelle Kommunikation. Binationale Familien / Lebensgemeinschaften. Kulturdifferenzen und Konflikte. Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften, 3, 91-99.

Autorin

Yvonne Volkmar, MSc; Systemische Psychotherapie, Coaching, Krisenintervention, Training, Supervision, Unternehmensberatung im psychosozialen Kontext und mediativen Führen; Absolventin des Universitätsinstituts ARGE Bildungsmanagement/SFU.

 

© ARGE Bildungsmanagement. Dieser Open Access Artikel unterliegt den Bedingungen der ARGE Bildungsmanagement, welche die Nutzung, Verbreitung und Wiedergabe erlaubt, sofern die ursprüngliche Arbeit richtig zitiert wird.

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