Wilfried Graf, Gudrun Kramer - Erfahrungen mit Interaktiver Konflikttransformation

Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften
Ausgabe 2018/01
ISSN 2312–5853

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Wilfried Graf, Gudrun Kramer 1

Erfahrungen mit Interaktiver Konflikttransformation

Zusammenfassung

Der Beitrag diskutiert Erfahrungen des Herbert C. Kelman Instituts mit inoffizieller Diplomatie und Konfliktvermittlung in Sri Lanka, Israel-Palästina und Österreich (Kärnten) – Slowenien. Die AutorInnen beschreiben das Verfahren der „Interaktiven Konfliktransformation“, das auf die Pionierarbeit des aus Wien stammenden Harvard-Sozialpsychologen Herbert C. Kelman zurückgeht.

Abstract

The article discusses experiences of the Herbert C. Kelman Institute with unofficial diplomacy and conflict mediation in Sri Lanka, Israel-Palestine and Austria (Carinthia) – Slovenia. The authors describe the "Interactive Conflict Transformation" approach, which draws on the pioneering work of the Vienna-born Harvard social psychologist Herbert C. Kelman.Keywords: Konflikttransformation, Friedensprozesse, menschliche Grundbedürfnisse / conflict transformation, peace processes, basic human needs

Keywords: Konflikttransformation, Friedensprozesse, menschliche Grundbedürfnisse

1Mitbegründer und Mitbegründerin des Herbert C. Kelman Instituts für Interaktive Konflikttransformation (HKI).
Korrespondenz über diesen Artikel ist zu richten an Wilfried Graf, Email: wilfried.grafⒶgmail.com

1. Theoretische und praxeologische Anfänge

Ab den 1990er Jahren begannen wir am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Austrian Study Centre for Peace and Conflict Resolution, ASPR) auf der Burg Schlaining mit Projekten zu ziviler Konfliktbearbeitung in Krisengebieten, zunächst mit Konferenzen, Workshops und Trainings zu den kriegerischen Konflikten im ehemaligen Jugoslawien.
Von 2002 bis 2004 wurde von uns ein Projekt „Peacebuilding in the South Caucasus Region“ zur Förderung friedens- und vertrauensbildender Maßnahmen im Südkaukasus durchgeführt, das Workshops in Schlaining mit Workshops vor Ort in Gudauri (Georgien) verband.
Mitte 2004 veranstalteten wir eine „Internationale Akademie für Konfliktlösung” mit 160 TeilnehmerInnen zu „Methoden im Dialog”. Die theoretischen und konzeptiven Anregungen dieser Tagung waren wesentlich für die Entwicklung unseres eigenen Verfahrens der Interaktiven Konflikttransformation.
Wichtige Impulse dafür kamen damals von Johan Galtung, Marshall Rosenberg, Friedrich Glasl, sowie aus der systemischen Aufstellungsarbeit (Kibed & Sparrer) und von österreichischen PsychodramatikerInnen.


2. Lehrjahre in Sri Lanka (2002 bis 2010)

Parallel zu diesen methodologischen Lernprozessen machten wir tiefgehende praktische Erfahrungen in Sri Lanka - mit einem Projekt zur inoffiziellen Unterstützung des offiziellen, von Norwegen facilitierten, srilankischen Friedensprozesses (Graf & Kramer 2016). Acht Jahre lang arbeiteten wir mit einer einflussreichen Dialog- und Berater-Gruppe aus dem singhalesisch dominierten Süden des Landes (der sogenannten Sri Lanka-Austria-Dialogue-Group). Sie bestand aus RepräsentantInnen der Zivilgesellschaft, einflussreichen JournalistInnen, WissenschaftlerInnen, einem christlich-tamilischen Bischof, einem singhalesischen, buddhistischen Mönch, NGO-VertreterInnen, aber auch MinisterInnen, ParlamentarierInnen und VertreterInnen der politischen Parteien (inkl. der Opposition). Mit der Zeit kamen zwei weitere Säulen dazu: die Arbeit mit einer Gruppe des politischen Flügels der Führung der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) sowie eine intensive Kooperation mit der buddhistisch geprägten entwicklungspolitischen Organisation Sarvodaya, die vor allem in vielen Dorfgemeinden Zugang zu allen Konfliktparteien hatte.
Am 26. Dezember 2004 forderte der Tsunami in Sri Lanka rund 40.000 Tote, mehr als 700.000 Menschen wurden obdachlos. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt vor Ort. In der Folge entschieden wir uns dafür, mit einem eigenen Verein (Institute for Integrative Conflict Transformation and Peacebuilding - IICP, heute Kelman Institute) vorwiegend in Sri Lanka zu arbeiten. Einerseits bauten wir ab 2005 gemeinsam mit Sarvodaya und mithilfe österreichischer Spendengelder von „KURIER Aid Austria“, dem Land Oberösterreich und dem Land Burgenland drei Dörfer und ein Ausbildungszentrum. Andererseits nutzten wir die Möglichkeit, nunmehr vor Ort arbeiten zu können, auch dazu, im politischen Makro-Konflikt zu vermitteln.
Im November 2005 erlangte der damalige srilankische Ministerpräsident Mahinda Rajapaksa das politisch wichtigere Präsidentschaftsamt und wurde Nachfolger der seit 11 Jahren regierenden Präsidentin Chandrika Kumaratunga. Unter seiner Führung setzte sich ab 2006 wieder die kriegerische Konfliktaustragung durch.
Ab Beginn des Jahres 2009 gelang es der Regierungsarmee, die Tamil Tigers immer weiter zurückzudrängen, bis diese schließlich gemeinsam mit ca. 200.000 ZivilistInnen auf wenigen Quadratkilometern zwischen dem Indischen Ozean und der vordringenden Armee eingekesselt waren. Alle LTTE-Kader, mit denen wir seit 2004 gearbeitet hatten, kamen in diesen letzten Kriegstagen ums Leben, auch wenn sie teilweise in den letzten Tagen versucht hatten, zu kapitulieren.
Im November 2009 übernahm Österreich den Vorsitz des UNO-Sicherheitsrats. Österreich brachte Sri Lanka als Thema ein – vom Schutz von ZivilistInnen in bewaffneten Konflikten bis zu Friedensmediation. In diesem Kontext unternahmen wir im Auftrag des BMeiA einen neuen Versuch, einen Dialog zwischen sri-lankischem Außenministerium und Tamilen in Sri Lanka und in der Diaspora vorzubereiten. Dazu fand im Dezember 2009 ein intra-tamilischer Workshop mit repräsentativen Vertretern der tamilischen Diaspora aus der ganzen Welt sowie tamilischen PolitikerInnen und Intellektuellen aus Sri Lanka statt. Weitere Versuche zur Initiierung eines Dialogprozesses zwischen Regierung, Opposition und Diaspora erwiesen sich zu diesem Zeitpunkt als nicht realisierbar.
Die Erfahrungen mit dieser Sri Lanka-Austria-Dialogue-Group zeigten die Möglichkeiten und Grenzen inoffizieller Diplomatie bei der Unterstützung offizieller Friedensprozesse sehr deutlich. Mittels zivilgesellschaftlicher Initiative gelang es, über mehrere Jahre einen informellen Dialog zu allen wichtigen Fragen eines umfassenden Friedensprozesses mit einflussreichen Personen aus Politik, internationaler Diplomatie und Zivilgesellschaft zu facilitieren, sowohl in Hinblick auf langfristige Lösungsperspektiven als auch auf den praktischen Friedens- und Verhandlungsprozess.
Es gelang, diesen Dialog selbst auf der Ebene Track 1,5 - d.h. zwischen der mittleren und der Top-Ebene der Führungskräfte, zu verankern und sogar nach dem Scheitern des offiziellen Verhandlungsprozesses mehrere Jahre bis zu den letzten Tagen eines grausamen Endkampfes aufrechtzuerhalten. Es war möglich, sowohl über die Dialoggruppe als auch durch die begleitende Arbeit vor und nach den Sitzungen gute Kontakte aufzubauen – zu den Konfliktparteien, zu Vertretern des Verhandlungsteams und der offiziellen Friedenssekretariate, zur damaligen Präsidentin Kumaratunga, zu den verschiedenen Außenministern während und nach dem Friedensprozess, zu weiteren MinisterInnen, ParlamentarierInnen und PolitikerInnen, zu religiösen WürdenträgerInnen, VertreterInnen der sri-lankischen Zivilgesellschaft wie dem National Peace Council oder der buddhistisch orientierten Partnerorganisation Sarvodaya, auch zu den norwegischen VermittlerInnen, zu internationalen und österreichischen DiplomateInnen von Erik Solheim bis Wolfgang Petritsch, zu internationalen FriedensforscherInnen und ExpertInnen, zu anderen inoffiziellen VermittlerInnen wie der Berghof Stiftung. Damit konnte eine bestimmte Kohärenz mit anderen gleichzeitig stattfindenden Interventionen sichergestellt werden.
Nach siebeneinhalb Jahren Unterbrechung fand im Dezember 2016 ein weiteres Meeting mit Mitgliedern der Sri Lanka-Austria-Dialogue Group in Colombo statt. Dabei zeigte sich auch klar: Die kritisch-konstruktiven Ideen, die von den Konfliktparteien schon vor Jahren erarbeitet werden konnten, bleiben trotz allem relevant für die Zukunft.
Zugleich mussten wir erfahren, dass eine solche Arbeit auch für die VermittlerInnen teilweise selbst traumatisch werden kann und jahrelange Reflexionsprozesse, Supervision und auch Therapie mit sich bringt.

3. Lehrjahre in Israel-Palästina (ab 2006)

2006 beauftragte uns eine Gruppe junger SozialwissenschaftlerInnen und AktivistInnen, die sich 2003 um den Ägypter Ahmed Badawi und den Israeli Ofer Zalzberg gebildet hatte, gemeinsam mit Jonathan Dudding und James Wiegel (Institute for Cultural Affairs) sowie Jay Rothman (ARIA) neue Methoden für eine tiefergehende „Konflikttransformation“ zu entwickeln. Daraus entstand die integrative „Kumi“-Methode. 2009 begann eine Pilotphase zu dieser Methode, mit dem Projekt „Beyond Managing the Israeli-Palestinian Conflict“ (Jänner 2009 bis Februar 2012), das vom European Union Partnership for Peace Programme finanziert wurde.
In der Folge entstanden zwei NGOs, REFORM in Palästina und CHALLENGE in Israel, die Capacity Building-Prozesse in ihren jeweiligen Konfliktgesellschaften durchführen, und dabei auch weiterhin von uns begleitet bzw. beraten werden.
Gudrun Kramer wurde 2011 Auftragsverantwortliche für ein regionales Programm für psycho-soziale und sozio-kulturelle Arbeit mit palästinensischen Flüchtlingen in Palästina, Jordanien und Libanon (bis 2016). In diesen Jahren konnten wir einerseits auf unsere „Kumi“-Netzwerke zurückgreifen, andererseits organisierten wir mehrere Dialog-Workshops in Wien und Jerusalem gemeinsam mit Prof. Herbert C. Kelman.
Im Dezember 2011 traf sich eine bilaterale „Working Group“ mit israelischen und palästinensischen Schlüsselpersonen in Wien, die mit Kelman bereits seit fast 10 Jahren auf „Track 2“-Ebene gearbeitet hatte. Die Gruppe scheiterte aber bei einem weiteren Treffen in Jerusalem 2012 – vor allem am Konflikt um die Frage der Anerkennung eines „jüdischen Staates“. Auf Basis dieser Lesson Learned wurde von uns ein Konzept für ein mehrjähriges Projekt zur Interaktiven Konfliktvermittlung in Israel-Palästina entwickelt und bei internationalen GeberInnen eingereicht (Projekt: „Engaging for Sustainable Conflict Resolution of the Israeli-Palestinian Conflict“). Es sollte die sozialen und psychologischen Barrieren bearbeiten, die einer nachhaltigen Konfliktlösung in Israel und Palästina seit Jahrzehnten entgegenstehen, im Besonderen die gegenseitige Verleugnung der kollektiven Kern-Identitäten, und auf Grundlage einer wechselseitigen Anerkennung nationaler und religiöser Identitäten (Kelman 2011a) entsprechende übergreifende Lösungsperspektiven entwickeln. Leider gelang es uns bis heute nicht, dafür finanzielle Unterstützung zu finden.
Ab 2015 erreichten wir durch internationale Donors aber eine längerfristige Förderung für ein politisch-interreligiöses Forschungs- und Dialog-Projekt zum Konflikt um die „Holy Esplanade“ – den Konflikt um den Tempelberg bzw. die Al-Aqsa Moschee (al-haram asch-scharif) in Jerusalem. Dieses Projekt zielt einerseits auf konkrete Deeskalation am konkreten Ort ab, andererseits auf die Erarbeitung politisch-theologischer Lösungsperspektiven im Rahmen eines zukünftigen Friedensprozesses. Ab 2015 wurde dafür eine arbeitsfähige Struktur aufgebaut, mit zwei lokalen Koordinatoren - einem israelisch-jüdischen und einem israelisch-palästinensischen Koordinator, die begonnen haben, mit VertreterInnen verschiedener religiöser Gruppen (jüdisch nationalreligiös, jüdisch ultraorthodox, jüdisch säkular, palästinensisch muslimisch und palästinensisch säkular) vor Ort zu arbeiten.

 

4. Lehrjahre in Kärnten und Slowenien (ab 2006)

2006 wurde ein Dialogprozess zum Kärntner Ortstafelkonflikt begonnen, mit Josef Feldner (Kärntner Heimatdienst) und Marjan Sturm (Zentralverband slowenischer Organisationen in Kärnten), dem ein strukturiertes Tiefeninterview im Mai 2007 folgte, das im Buch Kärnten neu denken – Zwei Kontrahenten im Dialog (Graf & Kramer, 2007) veröffentlicht wurde. Mit dem Dialog-Buch mit Feldner und Sturm wurde der Versuch unternommen, den jahrzehntelang andauernden Ortstafelkonflikt, der erst Jahre später, 2011, durch eine Kompromisslösung endlich geregelt werden konnte, aus der Perspektive der Geschichte des 20. Jahrhunderts neu zu denken.
Das darauf folgende Buch Kärnten liegt am Meer (Petritsch et al., 2011) ist wie das erste Buch die Dokumentation eines Dialogs als Weg für kreative Konflikttransformation. Mit 20 Tiefeninterviews wurde versucht, den Konflikt zwischen Mehrheit und Minderheit in Kärnten aus der Perspektive persönlicher, familiärer, sozialer und politischer Konfliktgeschichte/n neu zu verstehen – einerseits historisch, mit einem Blick auf die längeren Zeiträume der Geschichte, andererseits geographisch, mit einem grenzüberschreitenden Blick auf Südosteuropa.
In der Folge entstand ein grenzüberschreitendes Dialogprojekt zum interaktiven Aufbau einer „Friedensregion Alpe-Adria“ (Projekt: „Envisioning the Future by Dealing with the Past. Towards a Peace-Region Alps-Adriatic“). In diesem Projekt geht es vor allem um zwei Aufgaben:

  • Eine wirkliche Aufarbeitung historischer Traumata, der massenhaften Menschen-rechtsverletzungen seitens des National-sozialismus, aber auch seitens des Tito-Regimes in der Region – ohne dabei die totalitären Herrschaftsformen des National-sozialismus, Stalinismus und Titoismus gleichzusetzen – mit der Perspektive eines neuen Umgangs mit der Vergangenheit.
  • Die Entwicklung einer gemeinsamen, konkreten und praktischen Lösungsperspektive, die die alten antagonistischen Ideologien und Utopien aufhebt bzw. transzendiert: ein gemeinsames Zukunftsprojekt für die Alpen-Adria-Region.

Wir konnten dazu eine Dialoggruppe mit jeweils zehn Schlüsselpersonen aus Österreich und Slowenien aufbauen, die auch eine Reihe öffentlicher Aktivitäten gesetzt hat (etwa die Herausgabe gemeinsamer Erklärungen zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, sowie gemeinsame Gedenkfeiern zum Kampf um die Grenze zwischen Österreich und Slowenien 1920). Derzeit entsteht eine Dokumentation mit einer Zwischenbilanz zu diesem grenzübergreifenden Dialogprojekt.

5. Die Systematisierung des Verfahrens der Interaktiven

Die Erfahrungen mit Konfliktintervention in gewalt-förmigen ethnopolitischen Konflikten in Sri Lanka ab 2002 und Israel-Palästina ab 2011 ermöglichen heute eine Systematisierung unserer konzeptiven und methodologischen Ansätze (Graf & Kramer, 2015). Dies soll ab 2018/19 auch mit einem Handbuch dokumentiert werden.
2008 ist uns bewusst geworden, dass wir uns seit dem Sri Lanka-Projekt methodologisch in einer prozess- und bedürfnisorientierten Tradition „interaktiver Konfliktlösung“ bewegen, die auf den australischen Diplomaten John Burton und den Harvard-Sozialpsychologen Herbert C. Kelman zurückgeht (Kelman, 2007, 2011b). Ab 2011 kam es in der Folge auch zu einer engen Kooperation mit Herb Kelman. Von besonderer Bedeutung waren in der Folge die Organisation dreier internationaler Konferenzen über „Conflict Transformation in Intractable Conflicts“ am Harvard Weatherhead Center for International Affairs (März 2014, September 2015, März 2017), finanziert vom Austrian Marshall Fund, sowie die Herausgabe eines Bandes mit grundlegenden Texten von Herb Kelman (Kelman, 2016).
Kelman kann als ein früher Pionier der modernen Friedensforschung angesehen werden. Die Wurzeln dafür liegen in seinen Erfahrungen mit dem österreichischen Antisemitismus, die ihn 1939 als Zwölfjährigen mit seiner Familie aus Wien flüchten ließen. Kelmans einzigartiger sozialpsychologischer und sozial-ethischer Ansatz lässt sich als eine neue Form von partizipativer Aktionsforschung im Geist von Kurt Lewin beschreiben: der / die intervenierende ForscherIn-PraktikerIn, der / die nicht nur den äußeren Konflikt, sondern auch den Gruppenprozess und damit auch seine / ihre eigene Intervention evaluiert und beforscht. Dabei sieht er / sie sich strikt als VermittlerIn zwischen allen Seiten, der / die in der Regel selbst keine inhaltliche Vorschläge macht.
Die entscheidende Idee hinter der „Interaktiven Konfliktlösung“ liegt darin, dass man auf „Track 2” Ebene gute Lösungen durch interaktive Methoden vorbereitet und die politischen Entscheidungsträger dafür gewinnt. Die Schwierigkeit liegt darin, auch die WählerInnen und die öffentliche Meinung dafür zu gewinnen. Unsere bisherigen Erfahrungen und Lessons Learned mit diesem Ansatz verweisen auf die Notwendigkeit, die erzielten Ergebnisse und Vorschläge nicht nur an offizielle Führungspersonen und Verhandlungsführer weiterzugeben, auch nicht nur an die sogenannten moderaten Kräfte, die für den Dialog schon bereit sind, sondern auch in die Breite und Tiefe der jeweiligen Konfliktgesellschaften hinein zu vermitteln. Dazu braucht es vor allem jahrelange Hartnäckigkeit und große Risikobereitschaft seitens lokaler FacilitatorInnen.
Unser Verfahren der „Interaktiven Konflikttrans-formation” basiert heute auf einem Meta-Framework, das auf der paradigmatischen Grundlage eines epistemologischen und methodologischen Pluralismus beruht (Graf et al., 2010). Im Besonderen wird dabei versucht, folgenden Aspekten mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen:
-    Vermittlung von Akteurs-Perspektive und Struktur-Perspektive;
-    Vermittlung von lebensgeschichtlich-biografischer und kollektiv-unbewusster Dimension.
Anders als bei einem rein systemischen Verfahren geht interaktive Konflikttransformation nicht nur auf Zukunftsdimension, Lösungen oder Ressourcen ein, sondern gibt auch genügend Raum und Setting für einen reflexiven Umgang mit der Vergangenheit.
Diese pluralistische Herangehensweise wird mit einer radikalen (Selbst-)Reflexion der Beziehung zwischen KonfliktberaterIn und Konfliktparteien verbunden.
Transdisziplinarität bedeutete in unserem Verfahren bisher vor allem partizipative Aktionsforschung in komplexen, meist außereuropäischen Konfliktkonstellationen, gemeinsam mit lokalen Organisationen, „Insider-Mediators“ und direkten Vertretern von Konfliktparteien, um interaktive Settings für die Konstruktion von Lösungsperspektiven zu organisieren und zu reflektieren.
Der Prozess der interaktiven Konflikttransformation soll dazu führen, ausgehend von den konkreten Zielwidersprüchen – über die Reflexion von sozialen Interessen und kulturellen Werten – zur existentiellen Ebene „menschlicher Grundbedürfnisse” zu gelangen und auf dieser Grundlage Werte, Interessen und Ziele zu „reframen”:

  1. In einer Anfangsphase steht die Konfliktkonstellation im Vordergrund, Wider-sprüche, Konfliktverhalten und Konfliktwahrnehmungen sind dabei der Schlüssel zum Verständnis.
  2. In einer zweiten Phase wird versucht, den Hintergrund der Konfliktkonstellation besser zu verstehen: Es geht hier um die Kontexte der Widersprüche, des Konfliktverhaltens und der Konfliktwahrnehmung.
  3. In der Abschlussphase geht es um die Konstruktion neuer Konfliktwahrnehmungen, die auch neue Lösungsperspektiven ermöglichen und damit vielleicht zu neuen Verhaltensweisen führen, aber wiederum neue Widersprüche aufwerfen.

Die drei Phasen und neun Perspektiven für Dialog bzw. interaktive Aktionsfoschung mit einer oder mehreren Konfliktpartei(en) lassen sich mit folgender Tabelle kurz skizzieren (siehe dazu die konkreten Leitfragen bei Graf & Kramer, 2015):
Tabelle 1
Drei Phasen und neun Perspektiven für interaktive Aktionsforschung mit Konfliktparteien
Phase I: Individuelle Konfliktbeschreibung (Vorder-grund) mit den Perspektiven:

  • a: Beschreibung des Fokus des Konflikts, Konfliktakteure, Ziele, Verhalten, Strategien
  • b: Fokus-Widerspruch (Ziel-Inkompatibilitäten) – Verstehen der „Konfliktursache“ und der systemisch reproduzierenden „Konfliktstruktur“
  • c: Emotionen, Werte und Annahmen in Bezug auf den Konflikt – Verstehen der Konflikt-Narrative

Phase II: Übergang zur kontext-sensitiven Analyse (Hintergrund) mit den Perspektiven

  • d: Individuelle und kollektive „Agency“ (Handlungs-fähigkeit) – Psychologische und politische Machtanalyse
  • e: Soziale Systeme und sozialstrukturelle Konflikt-linien – Gesellschafts-systemische Machtanalyse
  • f: Kulturelle Bedeutungen und Konfliktlinien – Sozio-kulturelle Machtanalyse

Phase III: Übergang zu kontext-sensitiven Lösungen – gemeinsame Konstruktion von Lösungen, Strategien und Aktionen auf Grundlage der Kontextanalyse mit den Perspektiven

  • g: Transformierte Emotionen, Ziele und Annahmen
  • h: Transformierte Widersprüche und reversible Lösungen
  • i: Transformiertes Verhalten – Aktionsplan


Aus „antagonistischen“ Zielen können in einem solchen Prozess „agonistische“ Ziele werden, aus Feindschaft soll kein verfrühter Konsens entstehen oder keine „falsche“ Versöhnung, sondern konstruktive Gegnerschaft (Mouffe, 2007). Das geht über einen „Dialog der Gemäßigten“ hinaus und zielt auf ein „Gespräch der Feinde“ (Heer, 1949), das manchmal erst – wie derzeit in Israel und Palästina – durch langwierige und tiefergehende Intra-Dialogprozesse innerhalb der einzelnen Konfliktparteien vorbereitet werden muss. Die Arbeit besteht somit in einem jahrelangen, facilitierten Dialogprozess, den wir mittlerweile – über kognitive „Probleme“ hinausweisend, mit Bezug auf den sozialpsychologischen Ansatz Kelmans – „interaktive Konflikttransformation“ nennen, wobei versucht wird, nicht nur eine gemeinsame Konflikt- und Kontextanalyse durchzuführen, sondern tieferliegende Motive, Bedürfnisse und Ängste der Konfliktparteien anzusprechen, Feindbilder abzubauen und kreative Lösungsperspektiven zu erarbeiten.
 

6. Menschliche Grundbedürfnisse als Referenzrahmen für kritischen Realismus und sanften Universalismus

In komplexen Konfliktregionen sind wir heute oft mit einem „legal pluralism“ konfrontiert, wobei sich die Konfliktparteien auf verschiedene Referenzrahmen wie Menschenrechte, Völkerrecht, nationale Verfassungen, Religion (z.B. Sharia) oder Gewohnheitsrecht beziehen. Wir versuchen dann, menschliche Grundbedürfnisse als Referenzrahmen einzuführen, um zwischen unterschiedlichen Gerechtigkeits- und Legitimitätsvorstellungen zu mediieren. Ziele von Konfliktparteien, die die Grundbedürfnisse der anderen verletzen, sind „illegitim“; kreative und nachhaltige Lösungsperspektiven sollen auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse der anderen zielen.
Wir machten aber bereits in unserer Konfliktbegleitung in Sri Lanka die Erfahrung, dass ein zu universalistisches Konzept von menschlichen Grundbedürfnissen in nicht-westlichen Kulturen auf Grenzen stößt. Erst durch die vertiefte Einbeziehung der postkolonialen Kritik an diesem Universalismus – und eine darüber hinausführende „Kritik dieser Kritik” in Richtung eines kritischen, relationalen Realismus haben wir einen besseren Zugang zur theoretischen und praktischen Arbeit mit den Grundbedürfnissen gefunden, den wir jetzt im Projekt zum Konflikt um den Tempelberg/  al haram asch scharif in der Arbeit mit religiösen FundamentalistInnen bzw. nationalreligiösen HardlinerInnen zu konkretisieren versuchen.
Wir integrieren mittlerweile viele verschiedene Grundbedürfnistheorien und unterscheiden dabei zwischen physischen, psychologischen, sozialen und kulturellen Kategorien existentieller menschlicher Bedürfnisse.

  • Physische Grundbedürfnisse, z.B.: Überleben, Sicherheit / Schutz, Subsistenz, Lebenserhaltung
  • Psychologische Grundbedürfnisse, z.B.: Kontrolle / Selbstbestimmung, Wertschätzung / Verständnis / Liebe, Lebenssinn, Muße/Kreativität, Transzendenz
  • Soziale Grundbedürfnisse, z.B.: Wohlbefinden, Teilnahme / Partizipation, Zuwendung, Entwicklung, Erkenntnis / Wissen, Gerechtigkeit
  • Kulturelle Grundbedürfnisse, z.B.: Zugehörigkeit, Raum für emotionalen Ausdruck, Kulturelle Identität

Damit soll aber keine weitere Liste mit „wissenschaftlichen“ Grundbedürfnis-Begriffen vorgelegt werden, um sie den Konfliktparteien weiterzugeben. Es handelt sich lediglich um eine mentale Landkarte für den Dialog, mit vier Kategorien und jeweiligen Beispielen, vor allem für den / die BeraterIn. Unsere Praxis zeigt sehr deutlich, dass das nur funktioniert, wenn man dieses Konzept nicht diagnostisch von außen und oben einsetzt, um Verhaltensweisen, Strukturen oder Kulturen zu klassifizieren und zu bewerten. Man kann es nur als vorsichtige Hypothese in einen prinzipiell unabschließbaren interkulturellen Dialog einbringen und muss es auch in die jeweiligen Referenzrahmen der Konfliktparteien zurückübersetzen.
Die BeraterInnen erforschen existentielle Bedürfnisse und Ängste der Konfliktparteien gemeinsam im Dialog und respektieren die Namen und Begriffe, die die Konfliktparteien selber vorschlagen. Ziel einer dialogischen Konfliktbearbeitung ist dabei die Annäherung an eine kreative Ich-Wir-Balance zwischen menschlichen Grundbedürfnissen, kulturellen Werten, sozialen Interessen und politischen Rechten.
Mit einem solchen Ansatz können wir die Hypothese der existentiellen menschlichen Bedürfnisse mit dem interkulturellen Dialog verbinden und einen solchen Dialog zur Bedingung eines kritischen, relationalen Realismus bzw. sanften, dialogischen Universalismus machen. Wir können dann die Ziele und Motivationen der Konfliktparteien zum einen zumindest analytisch verstehen, und wir können sie zum anderen dort kritisch hinterfragen, wo sie die allgemeinmenschlichen Grundbedürfnisse der anderen verletzen. Wir können die Konfliktparteien aber auch dabei unterstützen, kreativere Lösungs-perspektiven zu finden, die auf einer Anerkennung der Grundbedürfnisse aller Konfliktparteien beruhen.
Angewandte Methoden sind dabei der strukturierte Dialog, im Besonderen die Tradition der Interaktiven Problemlösung Herb Kelmans und die Moreno‘schen Techniken Rollenwechsel und Rollentausch, aber auch Formen von ExpertInnen-Inputs, Interviews und Recherchen. Dabei geht es um kollektive Reflexion über Bedürfnisse und Ängste der TeilnehmerInnen und ihrer Kollektive, Reflexion über asymmetrische Machtverhältnisse, Transformation kultureller Identitätskonflikte und kollektiver Emotionen, die Frage nach der gesellschaftlichen Wirksamkeit. Zugleich stellt sich ständig die Frage der Selbstüberforderung sowie der Reflexion über Gegenübertragungsphänomenen.
Durch die Lernprozesse, die wir in vielen Settings gemeinsam erfahren und gestaltet haben, haben unsere vielen ProjektpartnerInnen und die dabei involvierten Konfliktparteien zur Entwicklung unserer nun auch metatheoretisch formulierbaren Positionen und Fragestellungen auf grundlegende Weise beigetragen. Ohne eine solche transdisziplinäre Praxis-Forschung wären wir wohl nicht imstande gewesen, unsere Konzepte in der Anwendung permanent zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

 

Literatur

Graf, W., & Kramer, G. (2016). Zwischen Scheitern und Neubeginn: Zivilgesellschaftliche Unterstützung des Friedensprozesses in Sri Lanka. In: Lakitsch, M., Reitmair-Juárez, S. (Hg.) Zivilgesellschaft im Konflikt. Vom Gelingen und Scheitern in Krisengebieten. Dialog. Beiträge zur Friedensforschung 69. Wien et al.: LIT-Verlag.

Graf, W., & Kramer, G. (2015). Interaktive Konflikt-transformation. In: SyStemischer. Die Zeitschrift für systemische Strukturaufstellungen. 15 (07), 34-45.


Graf, W., & Kramer, G. (Hg.) 2007. Josef Feldner/Marjan Sturm – Kärnten neu denken. Zwei Kontrahenten im Dialog. Klagenfurt/Celovec: Drava/Heyn.


Heer, F. (1949): Gespräch der Feinde. Europa Verlag: Wien-Zürich.


Kelman, H. (2007). Interaktive Problemlösung: Ein sozialpsychologischer Ansatz zur Lösung von Konflikten am Beispiel Nahost. In: R. Ballreich, M. W., Kelman, H. (2011a). A one-country / two-state solution to the Israeli-Palestinian conflict. Middle East Policy Journal 2011;18 (1), 27-41.

Kelman, H. (2011b). The Development Of Interactive Problem Solving: In John Burton’s Footsteps. Manuskript.


Kelman, H. (2016). Resolving Deep-rooted Conflicts. Essays on the Theory and Practice of Interactive Problem-Solving. In: Wintersteiner, W. & Graf, W. (Hg) Routledge Studies in Peace and Conflict Resolution.



Mouffe, C. (2007). Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.


Petritsch, W., & Graf, W. & Kramer, G. (Hg.) (2011). Kärnten liegt am Meer. Konfliktgeschichten über Trauma, Macht und Identität. Klagenfurt: Drava/Heyn.

Eingegangen: 09.04.2018
Peer Review: 12.04.2018
Angenommen: 14.05.2017

Diesen Artikel zitieren als: Graf W., Kramer G. (2018). Erfahrungen mit Interaktiver Konflikttransformation. Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften, 4, 14-20.

Autorin und Autor

Wilfried Graf ist Friedens- und Konfliktforscher, Dialog-Facilitator und Konfliktberater. Er war Mitarbeiter des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung (ASPR) auf der Burg Schlaining (1983-2004) und des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik an der Universität Klagenfurt (2011-2017). Er ist Mitbegründer und Co-Direktor des Herbert C. Kelman Instituts für Interaktive Konflikttransformation(HKI)2 .

Gudrun Kramer arbeitet seit 2001 in Krisenregionen und Nachkriegsgesellschaften in den Bereichen Fortbildung, Beratung, Konfliktvermittlung und Versöhnung. Von 2010-2016 leitete sie für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein regionales Friedens- und Sicherheitsprogramm zur Unterstützung palästinensischer Flüchtlinge im Nahen Osten. Seit April 2017 ist sie Direktorin des ASPR.

2 Das Kelman Institut für Interaktive Konflikttransformation (HKI, www.kelmaninstitute.org) versucht, die Praxis zivilgesellschaftlicher Konfliktintervention in komplexen Konfliktfeldern mit der Theorie inter- und transdisziplinärer Forschung zu verbinden. Das HKI war 2011-2016 ein Partner des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik (ZFF) an der IFF-Fakultät der Universität Klagenfurt und wurde ab 2017 ein Partner des Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung Stadt Schlaining (ASPR). 2016 wurde darüber hinaus eine Kooperation mit dem Institut für öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der Universität Graz vereinbart.
Das Kelman-Programm umfasst gegenwärtig drei Arbeitsbereiche:

  • Praxis: Interaktive Konfliktbearbeitung in Konflikt- und Krisenfeldern vor Ort. Dialog, Konfliktberatung und Prozessbegleitung
  • Forschung: Methodenentwicklung Interaktive Konflikttransformation
  • Bildung: Capacity Development, Weiterbildung, Lehre.

Das Kelman Institut hat Projekterfahrungen in internationaler Friedensmediation und konfliktsensitiver Entwicklungszusammenarbeit, v.a.

  • Unterstützung des Friedensprozesses Sri Lanka 2002 bis 2011,
  • Wiederaufbauprojekt in Sri Lanka 2005 bis 2007,
  • Fortbildung und Training in Zentralasien seit 2005,
  • Dialogprojekte zum Ortstafelkonflikt in Kärnten und zum Umgang mit Vergangenheit zwischen Österreich und Slowenien seit 2006,
  • Capacity Building und Konfliktttransformation in Israel-Palästina seit 2006.

Es erlaubt darüber hinaus eine Anbindung an die vierzigjährige Erfahrung Kelmans mit interaktiven Problemlösungsworkshops in Israel-Palästina.
Die Vorstandsmitglieder repräsentieren vielfältige Erfahrungen an der Schnittstelle von offizieller Diplomatie (Botschafter Wolfgang Petritsch, Botschafter Georg Lennkh, Gunther Neumann), Zivilgesellschaft (Marijana Grandits, Gudrun Kramer, Walter Sedlacek) sowie Friedensforschung (Hanne Birckenbach, Werner Wintersteiner).

 

Autor

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